"Derek sagte immer: Es ist gut mit einem Zitat abzuschliessem, denn wenn jemand anders es schon am besten formuliert hat, und man selbst es nicht besser kann, dann stiehlt man eben von ihm... und verschafft sich einen starken Abgang!"



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Antoine de Saint-Exupéry
Der kleine Prinz

FÜR LÉON WERTH
Ich bitte die Kinder um Verzeihung, daß ich dieses Buch
einem Erwachsenen widme. Ich habe eine ernstliche
Entschuldigung dafür: Dieser Erwachsene ist der beste
Freund, den ich in der Welt habe. Ich habe noch eine
Entschuldigung: Dieser Erwachsene kann alles verstehen,
sogar die Bücher für Kinder. Ich habe eine dritte
Entschuldigung: Dieser Erwachsene wohnt in Frankreich,
wo er hungert und friert. Er braucht sehr notwendig
einen Trost. Wenn alle diese Entschuldigungen nicht
ausreichen, so will ich dieses Buch dem Kinde widmen,
das dieser Erwachsene einst war. Alle großen Leute sind
einmal Kinder gewesen (aber wenige erinnern sich
daran). Ich verbessere also meine Widmung:
FÜR LÉON WERTH
als er noch ein Junge war

I
Als ich sechs Jahre alt war, sah ich einmal in einem Buch
über den Urwald, das »Erlebte Geschichten« hieß, ein
prächtiges Bild. Es stellte eine Riesenschlange dar, wie
sie ein Wildtier verschlang.
In dem Buche hieß es: »Die Boas verschlingen ihre
Beute als Ganzes, ohne sie zu zerbeißen. Daraufhin
können sie sich nicht mehr rühren und schlafen sechs
Monate, um zu verdauen.«
Ich habe damals viel über die Abenteuer des
Dschungels nachgedacht, und ich vollendete mit einem
Farbstift meine erste Zeichnung. Meine Zeichnung Nr. 1.
So sah sie aus:
Ich habe den großen Leuten mein Meisterwerk gezeigt
und sie gefragt, ob ihnen meine Zeichnung nicht Angst
mache.
Sie haben geantwortet: »Warum sollen wir vor einem
Hute Angst haben?«
Meine Zeichnung stellte aber keinen Hut dar. Sie
stellte eine Riesenschlange dar, die einen Elefanten
verdaut. Ich habe dann das Innere der Boa gezeichnet,
um es den großen Leuten deutlich zu machen. Sie
brauchen ja immer Erklärungen. Hier meine Zeichnung
Nr. 2:
Die großen Leute haben mir geraten, mit den
Zeichnungen von offenen oder geschlossenen
Riesenschlangen aufzuhören und mich mehr für
Geographie, Geschichte, Rechnen und Grammatik zu
interessieren. So kam es daß ich eine großartige
Laufbahn, die eines Malers nämlich, bereits im Alter von
sechs Jahren aufgab. Der Mißerfolg meiner Zeichnungen
Nr. 1 und Nr. 2 hatte mir den Mut genommen. Die
großen Leute verstehen nie etwas von selbst, und für die
Kinder ist es zu anstrengend, ihnen immer und immer
wieder erklären zu müssen
Ich war also gezwungen, einen anderen Beruf zu
wählen, und lernte fliegen. Ich bin überall in der Welt
herumgeflogen, und die Geographie hat mir dabei
wirklich gute Dienste geleistet. Ich konnte auf den
ersten Blick China von Arizona unterscheiden. Das ist
sehr praktisch, wenn man sich in der Nacht verirrt hat.
So habe ich im Laufe meines Lebens mit einer Menge
ernsthafter Leute zu tun gehabt. Ich bin viel mit
Erwachsenen umgegangen und habe Gelegenheit gehabt,
sie ganz aus der Nähe zu betrachten. Das hat meiner
Meinung über sie nicht besonders gut getan.
Wenn ich jemanden traf, der mir ein bißchen heller
vorkam, versuchte ich es mit meiner Zeichnung Nr. 1,
die ich gut aufbewahrt habe. Ich wollte sehen, ob er
wirklich etwas los hatte. Aber jedesmal bekam ich zur
Antwort: »Das ist ein Hut.« Dann redete ich mit ihm
weder über Boas, noch über Urwälder, noch über die
Sterne. Ich stellte mich auf seinen Standpunkt. Ich
sprach mit ihm über Bridge, Golf, Politik und Krawatten.
Und der große Mensch war äußerst befriedigt, einen so
vernünftigen Mann getroffen zu haben.

II
Ich blieb also allein, ohne jemanden, mit dem ich wirklich
hätte sprechen können, bis ich vor sechs Jahren einmal
eine Panne in der Wüste Sahara hatte. Etwas an meinem
Motor war kaputtgegangen. Und da ich weder einen
Machaniker noch Passagiere bei mir hatte, machte ich
mich ganz allein an die schwierige Reparatur. Es war für
mich eine Frage auf Leben und Tod. Ich hatte für kaum
acht Tage Trinkwasser mit.
Am ersten Abend bin ich also im Sande eingeschlafen,
tausend Meilen von jeder bewohnten Gegend entfernt. Ich
war viel verlassener als ein Schiffbrüchiger auf einem Floß
mitten im Ozean. Ihr könnt euch daher meine
Überraschung vorstellen, als bei Tagesanbruch eine
seltsame kleine Stimme mich weckte:
»Bitte... zeichne mir ein Schaf!«
»Wie bitte?«
»Zeichne mir ein Schaf...«
Ich bin auf die Füße gesprungen, als wäre der Blitz in
mich gefahren. Ich habe mir die Augen gerieben und genau
hingeschaut. Da sah ich ein kleines, höchst ungewöhnliches
Männchen, das mich ernsthaft betrachtete. Hier das beste
Porträt, das ich später von ihm zuwege brachte. Aber das
Bild ist bestimmt nicht so bezaubernd wie das Modell. Ich
kann nichts dafür. Ich war im Alter von sechs Jahren von
den großen Leuten aus meiner Malerlaufbahn geworfen
worden und hatte nichts zu zeichnen gelernt als
geschlossene und offene Riesenschlangen.
Ich schaute mir die Erscheinung also mit großen,
staunenden Augen an. Vergeßt nicht, daß ich mich tausend
Meilen abseits jeder bewohnten Gegend befand. Auch
schien mir mein kleines Männchen nicht verirrt, auch nicht
halbtot vor Müdigkeit, Hunger, Durst oder Angst. Es
machte durchaus nicht den Eindruck eines mitten in der
Wüste verlorenen Kindes, tausend Meilen von jeder
bewohnten Gegend. Als ich endlich sprechen konnte,
sagte ich zu ihm:
»Aber... was machst denn du da?«
Da wiederholte es ganz sanft, wie eine sehr ernsthafte
Sache:
»Bitte... zeichne mir ein Schaf...«
Wenn das Geheimnis zu eindrucksvoll ist, wagt man
nicht zu widerstehen. So absurd es mir erschien - tausend
Meilen von jeder menschlichen Behausung und in
Todesgefahr -, ich zog aus meiner Tasche ein Blatt Papier
und eine Füllfeder. Dann aber erinnerte ich mich, daß ich
vor allem Geographie, Geschichte, Rechnen und
Grammatik studiert hatte, und mißmutig sagte ich zu dem
Männchen, daß ich nicht zeichnen könne. Es antwortete:
»Das macht nichts. Zeichne mir ein Schaf.«
Da ich nie ein Schaf gezeichnet hatte, machte ich ihm
eine von den einzigen zwei Zeichnungen, die ich zuwege
brachte.
Die von der geschlossenen Riesenschlange. Und ich war
höchst verblüfft, als ich das Männchen sagen hörte:
»Nein, nein! Ich will keinen Elefanten in einer
Riesenschlange. Eine Riesenschlange ist sehr gefährlich und
ein Elefant braucht viel Platz. Bei mir zu Hause ist wenig
Platz. Ich brauche ein Schaf. Zeichne mir ein Schaf.«
Also habe ich gezeichnet.
Das Männchen schaute aufmerksam zu, dann sagte es:
»Nein! Das ist schon sehr krank. Mach ein anderes.«
Ich zeichnete.
Mein Freund lächelte artig und mit Nachsicht:
»Du siehst wohl... das ist kein Schaf, das ist ein Widder.
Es hat Hörner...«
Ich machte also meine Zeichnung noch einmal. Aber sie
wurde ebenso abgelehnt wie die vorigen:
»Das ist schon zu alt. Ich will ein Schaf, das lange lebt.«
Mir ging die Geduld aus, es war höchste Zeit, meinen
Motor auszubauen, so kritzelte ich diese Zeichnung da
zusammen und knurrte dazu:
»Das ist die Kiste. Das Schaf, das du willst, steckt da
drin.«
Und ich war höchst überrascht, als ich das Gesicht
meines jungen Kritikers aufleuchten sah:
»Das ist ganz so, wie ich es mir gewünscht habe. Meinst
du, daß dieses Schaf viel Gras braucht?«
»Warum?«
»Weil bei mir zu Hause alles ganz klein ist...«
»Es wird bestimmt ausreichen. Ich habe dir ein ganz
kleines Schaf geschenkt.«
Er neigte den Kopf über die Zeichnung:
»Nicht so klein wie... Aber sieh nur! Es ist
eingeschlafen...«
So machte ich die Bekanntschaft des kleinen Prinzen.

III
Ich brauchte lange Zeit, um zu verstehen, woher er kam.
Der kleine Prinz, der viele Fragen am mich richtete, schien
die meinen nie zu hören. Zufällig aufgefangene Worte
haben mir nach und nach sein Geheimnis enthüllt. So
fragte er, als er zum erstenmal mein Flugzeug sah (ich
werde mein Flugzeug nicht zeichnen, das ist eine viel zu
komplizierte Sache für mich):
»Was ist das für ein Ding da?«
»Das ist kein Ding. Das fliegt. Das ist ein Flugzeug.«
Und ich war stolz, ihm sagen zu können, daß ich fliege.
Da rief er:
»Wie! Du bist vom Himmel gefallen?«
»Ja«, sagte ich bescheiden.
»Ah! Das ist ja lustig...«
Und der kleine Prinz bekam einen ganz tollen
Lachanfall, der mich ordentlich ärgerte. Ich lege Wert
darauf, daß meine Unfälle ernst genommen werden. Er
aber fuhr fort:
»Also auch du kommst vom Himmel! Von welchem
Planeten bist du denn?«
Da ging mir ein Licht auf über das Geheimnis seiner
Anwesenheit und ich fragte hastig:
»Du kommst also von einem anderen Planeten?«
Aber er antwortete nicht. Er schüttelte nur sanft den
Kopf, indem er mein Flugzeug musterte:
»Freilich, auf dem Ding da kannst nicht allzu weit
herkommen...«
Und er versank in eine Träumerei, die lange dauerte.
Dann nahm er mein Schaf aus der Tasche und vertiefte
sich in den Anblick seines Schatzes.


Ihr könnt euch vorstellen, wie stark diese Andeutung über
die »anderen Planeten« mich beunruhigen mußte. Ich
bemühte mich also, mehr zu erfahren:
»Woher kommst du, mein kleines Kerlchen? Wo bist
du denn zu Hause? Wohin willst du mein Schaf
mitnehmen?«
Er antwortete nach einem nachdenklichen Schweigen:
»Die Kiste, die du mir da geschenkt hast, hat das Gute,
daß sie ihm nachts als Haus dienen kann.«
»Gewiß. Und wenn du brav bist, gebe ich dir auch
einen Strick, um es tagsüber anzubinden. Und einen
Pflock dazu.«
Dieser Vorschlag schien den kleinen Prinzen zu
kränken:
»Anbinden? Was für eine komische Idee!«
»Aber wenn du es nicht anbindest, wird es doch
weglaufen...«
Da brach meine Freund in ein neuerliches Gelächter
aus:
»Aber wo soll es denn hinlaufen?«
»Irgendwohin. Geradeaus...«
Da versetzte der kleine Prinz ernsthaft:
»Das macht nichts aus, es ist so klein bei mir zu
Hause!«
Und, vielleicht ein bißchen schwermütig, fügte er hinzu:
»Geradeaus kann man nicht sehr weit gehen...«

IV
Ich hatte eine zweite sehr wichtige Sache erfahren: der
Planet seiner Herkunft war kaum größer als ein Haus!
Das erschien mir gar nicht verwunderlich. Ich wußte
ja, daß es außer den großen Planeten wie der Erde, dem
Jupiter, dem Mars, der Venus, denen man Namen
gegeben hat, noch Hunderte von anderen gibt, die
manchmal so klein sind, daß man Mühe hat, sie im
Fernrohr zu sehen. Wenn ein Astronom einen von ihnen
entdeckt, gibt er ihm statt des Namens eine Nummer. Er
nennt ihn zum Beispiel: Asteroid Nr. 3.251.
Ich habe ernsthafte Gründe zu glauben, daß der
Planet, von dem der kleine Prinz kam, der Asteroid
B 612 ist. Dieser Planet ist nur ein einziges Mal im Jahre
1909 von einem türkischen Astronomen im Fernrohr
gesehen worden.
Er hatte damals beim internationalen Astronomen-
kongreß einen großen Vortrag über seine Entdeckung
gehalten. Aber niemand hatte ihm geglaubt, und zwar
ganz einfach seines Anzuges wegen. Die großen Leute
sind so.
Zum Glück für den Ruf des Planeten B 612 befahl ein
türkischer Diktator seinem Volk bei Todesstrafe, nur
noch europäische Kleider zu tragen. Der Astronom
wiederholte seinen Vortrag im Jahre 1920 in einem sehr
eleganten Anzug. Und diesmal gaben sie ihm alle recht.
Wenn ich euch dieses nebensächliche Drum und Dran
über den Planeten B 612 erzähle und euch sogar seine
Nummer anvertraue, so geschieht das der großen Leute
wegen. Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen.
Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen
sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen euch nie:
Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er
am meisten? Sammelt er Schmetterlinge? Sie fragen euch:
Wie alt ist er? Wieviel Brüder hat er? Wieviel wiegt er?
Wieviel verdient sein Vater? Dann erst glauben sie, ihn zu
kennen. Wenn ihr zu den großen Leute sagt:
Ich habe ein sehr schönes Haus mit roten Ziegeln
gesehen, mit Geranien vor den Fenstern und Tauben auf
dem Dach... dann sind sie nicht imstande, sich dieses
Haus vorzustellen. Man muß ihnen sagen: Ich habe ein
Haus gesehen, das hunderttausend Franken wert ist.
Dann schreien sie gleich: Ach wie schön!
So auch, wenn ihr ihnen sagt: Der Beweis dafür, daß
es den kleinen Prinzen wirklich gegeben hat, besteht
darin, daß er entzückend war, daß er lachte und daß er
ein Schaf haben wollte; denn wenn man sich ein Schaf
wünscht, ist es doch ein Beweis dafür, daß man lebt,
- dann werden sie die Achseln zucken und euch als
Kinder behandeln. Aber wenn ihr ihnen sagt: der Planet,
von dem er kam, ist der Planet B 612, dann werden sie
überzeugt sein und euch mit ihren Fragen in Ruhe lassen.
So sind sie. Man darf ihnen das auch nicht übelnehmen.
Kinder müssen mit großen Leuten viel Nachsicht haben.
Wir freilich, die wir wissen, was das Leben eigentlich
ist, wir machen uns nur lustig über die albernen Zahlen.
Viel lieber hätte ich diese Geschichte begonnen wie ein
Märchen. Am liebsten hätte ich so angefangen:
Es war einmal ein kleiner Prinz, der wohnte auf einem
Planeten, der kaum größer war als er selbst, und er
brauchte einen Freund... Für die, die das Leben richtig
verstehen, würde das viel glaubwürdiger klingen.
Denn ich möchte nicht, daß man mein Buch leicht
nimmt. Ich empfinde so viel Kummer beim Erzählen
dieser Erinnerungen. Es ist nun schon sechs Jahre her,
daß mein Freund mit seinem Schaf davongegangen ist.
Wenn ich hier versuche, ihn zu beschreiben, so tue ich
das, um ihn nicht zu vergessen. Nicht jeder hat einen
Freund gehabt. Und ich könnte wie die großen Leute
werden, die sich nur für Ziffern interessieren, deshalb
habe ich mir schließlich auch einen Farbenkasten und
Zeichenstifte gekauft.
Es ist schwer, sich in meinem Alter noch einmal mit
dem Zeichnen einzulassen, wenn man seit seinem
sechsten Lebensjahre nie andere Versuche gemacht hat
als die mit einer geschlossenen und offenen
Klapperschlange. Ich werde selbstverständlich
versuchen, die Bilder so wirklichkeitsgetreu wie möglich
zu machen. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob es mir
gelingen wird. Die eine Zeichnung geht, die andere ist
schon nicht mehr ähnlich. Ich irre mich auch mitunter in
den Maßen. Da ist der kleine Prinz zu groß und da ist er
zu klein. Auch die Farbe seiner Kleider macht mir
Kummer. Dann probiere ich hin und her, so gut es eben
geht. Ich werde mich vermutlich auch bei wichtigeren
Einzelheiten irren. Aber das muß man doch schon
nachsehen. Mein Freund hat mir nie Erklärungen
gegeben. Er glaubte wahrscheinlich, ich sei wie er. Aber
ich bin leider nicht imstande, durch die Kistenbretter
hindurch Schafe zu sehen. Ich gleiche doch wohl schon
eher den großen Leuten. Ich mußte ja im Laufe der Zeit
älter werden.


V
Jeden Tag erfuhr ich etwas Neues über den Planeten,
über die Abreise und über die Fahrt. Das ergab sich ganz
sachte im Laufe meiner Überlegungen. So lernte ich am
dritten Tage die Tragödie der Affenbrotbäume kennen.
Auch dies verdanke ich schließlich dem Schaf, denn
unvermittelt fragte mich der kleine Prinz, als wäre er von
einem schweren Zweifel geplagt:
»Es stimmt doch, daß Schafe Stauden fressen?«
»Ja, das stimmt.«
»Ach, da bin ich froh!«
Ich verstand nicht, warum es so wichtig war, daß
Schafe Stauden fressen. Aber der kleine Prinz fügte hinzu:
»Dann fressen sie doch auch Affenbrotbäume?«
Ich erklärte dem kleinen Prinzen ausführlich, daß
Affenbrotbäume doch keine Stauden sind, sondern
kirchturmhohe Bäume, und selbst wenn er eine ganze
Herde Elefanten mitnähme, würde diese Herde nicht mit
einem einzigen Affenbrotbaum fertig werden.
Der Einfall mit den Elefanten brachte in zum Lachen.
»Man müßte sie übereinanderstellen...«
Aber dann bemerkte er klugerweise:
»Bevor die Affenbrotbäume groß werden, fangen sie ja
erst damit an, klein zu sein.«
»Das ist schon richtig. Aber warum willst du, daß deine
Schafe die kleinen Affenbrotbäume fressen?«
Er antwortete: »Schon gut! Wir werden ja sehen!« als
ob es sich da um das klarste Ding der Welt handelte. Und
ich mußte meinen ganzen Verstand aufbieten, um der
Sache auf den Grund zu kommen.
In der Tat gab es auf dem Planeten des kleinen Prinzen
wie auf allen Planeten gute Gewächse und schlechte
Gewächse. Infolgedessen auch gute Samenkörner von
guten Gewächsen und schlechte Samenkörner von
schlechten Gewächsen. Aber die Samen sind unsichtbar.
Sie schlafen geheimnisvoll in der Erde, bis es einem von
ihnen einfällt, aufzuwachen. Dann streckt er sich und treibt
zuerst schüchtern einen entzückenden kleinen Sproß zur
Sonne, einen ganz harmlosen. Wenn es sich um einen
Radieschen- oder Rosentrieb handelt, kann man ihn
wachsen lassen, wie er will. Aber wenn es sich um eine
schädliche Pflanze handelt, muß man die Pflanze beizeiten
herausreißen, sobald man erkannt hat, was für eine es ist.
Auf dem Planeten des kleinen Prinzen gab es fürchterliche
Samen... und das waren die Samen der Affenbrotbäume.
Der Boden des Planeten war voll davon. Aber einen
Affenbrotbaum kann man, wenn man ihn zu spät angeht,
nie mehr loswerden. Er bemächtigt sich des ganzen
Planeten. Er durchdringt ihn mit seinen Wurzeln. Und
wenn der Planet zu klein ist und die Affenbrotbäume zu
zahlreich werden, sprengen sie ihn.
»Es ist eine Frage der Disziplin«, sagte mir später der
kleine Prinz. »Wenn man seine Morgentoilette beendet
hat, muß man sich ebenso sorgfältig an die Toilette des
Planeten machen. Man muß sich regelmäßig dazu
zwingen, die Sprößlinge der Affenbrotbäume
auszureißen, sobald man sie von den Rosensträuchern
unterscheiden kann, denen sie in der Jugend sehr ähnlich
sehen. Das ist eine zwar langweilige, aber leichte Arbeit.«
Und eines Tages riet er mir, ich solle mich bemühen,
eine schöne Zeichnung zustande zu bringen, damit es den
Kindern bei mir daheim auch richtig in den Kopf gehe.
»Wenn sie eines Tages auf die Reise gehen«, sagte er,
»kann es ihnen zugute kommen. Zuweilen macht es ja
wohl nichts aus, wenn man seine Arbeit auf später
verschiebt. Aber wenn es sich um Affenbrotbäume
handelt, führt das stets zur Katastrophe. Ich habe einen
Planeten gekannt, den ein Faulpelz bewohnte. Er hatte
drei Sträucher übersehen...«
Und so habe ich denn diesen Planeten nach den
Angaben des kleinen Prinzen gezeichnet. Ich nehme nicht
gerne den Tonfall eines Moralisten an. Aber die
Gefährlichkeit der Affenbrotbäume ist so wenig bekannt,
und die Gefahren, die jedem drohen, der sich auf einen
Asteroiden verirrt, sind so beträchtlich ,daß ich für dieses
eine Mal aus meiner Zurückhaltung heraustrete. Ich sage:
Kinder, Achtung! Die Affenbrotbäume! Um meine
Freunde auf eine Gefahr aufmerksam zu machen, die -
unerkannt - ihnen wie mir seit langem droht, habe ich so
viel an dieser Zeichnung gearbeitet. Die Lehre, die ich
damit gebe, ist gewiß der Mühe wert. Ihr werdet euch
vielleicht fragen: Warum enthält dieses Buch nicht noch
andere, ebenso großartige Zeichnungen wie die Zeichnung
von den Affenbrotbäumen? Die Antwort ist sehr einfach:
Ich habe wohl den Versuch gewagt, aber es ist mir nicht
gelungen. Als ich die Affenbrotbäume zeichnete, war ich
vom Gefühl der Dringlichkeit beseelt.

VI
Ach, kleiner Prinz, so nach und nach habe ich dein
kleines schwermütiges Leben verstanden. Lange Zeit hast
du, um dich zu zerstreuen, nichts anderes gehabt als die
Lieblichkeit der Sonnenuntergänge. Das erfuhr ich am
Morgen des vierten Tages, als du mir sagtest:
»Ich liebe Sonnenuntergänge sehr. Komm, laß uns
einen Sonnenuntergang anschauen...«
»Da muß man noch warten...«
»Worauf denn warten?«
»Warten, bis die Sonne untergeht.«
Du hast zuerst ein sehr erstauntes Gesicht gemacht
und dann über dich selber gelacht. Und du hast zu mir
gesagt:
»Ich bilde mir immer ein, ich sei zu Hause!«
In der Tat. Wenn es in den Vereinigten Staaten Mittag
ist, geht die Sonne, wie jedermann weiß, in Frankreich
unter. Um dort einem Sonnenuntergang beizuwohnen,
müßte man in einer Minute mach Frankreich fliegen
können. Unglücklicherweise ist Frankreich viel zu weit
weg. Aber auf deinem so kleinen Planeten genügte es,
den Sessel um einige Schritte weiterzurücken. Und du
erlebtest die Dämmerung, so oft du es wünschtest... »An
einem Tag habe ich die Sonne dreiundverzigmal
untergehen sehn!«
Und ein wenig später fügtest du hinzu:
»Du weißt doch, wenn man recht traurig ist, liebt man
die Sonnenuntergänge...«
»Am Tage mit den dreiundvierzigmal warst du also
besonders traurig?« Aber der kleine Prinz antwortete
nicht.
VII
Am fünften Tag war es wieder das Schaf, das ein
Lebensgeheimnis des kleinen Prinzen enthüllen half. Er
fragte mich unvermittelt, ohne Umschweife, als pflückte er
die Frucht eines in langem Schweigen gereiften Problems:
»Wenn ein Schaf Sträucher frißt, so frißt es doch auch
die Blumen?«
»Ein Schaf frißt alles, was ihm vors Maul kommt.«
»Auch die Blumen, die Dornen haben?«
»Ja. Auch die Blumen, die Dornen haben.«
»Wozu haben sie dann die Dornen?«
Ich wußte es nicht. Ich war gerade mit dem Versuch
beschäftigt, einen zu streng angezogenen Bolzen meines
Motors abzuschrauben. Ich war in großer Sorge, da mir
meine Panne sehr bedenklich zu erscheinen begann, und
ich machte mich aufs Schlimmste gefaßt, weil das
Trinkwasser zur Neige ging.
»Was für einen Zweck haben die Dornen?«
Der kleine Prinz verzichtete niemals auf eine Frage,
wenn er sie einmal gestellt hatte. Ich war völlig mit meinem
Bolzen beschäftigt und antwortete aufs Geratewohl:
»Die Dornen, die haben gar keinen Zweck, die Blumen
lassen sie aus reiner Bosheit wachsen!«
»Oh!«
Er schwieg. Aber dann warf er mir in einer Art
Verärgerung zu:
»Das glaube ich dir nicht! Die Blumen sind schwach. Sie
sind arglos. Sie schützen sich, wie sie können. Sie bilden
sich ein, daß sie mit Hilfe der Dornen gefährlich wären...«
Ich antwortete nichts und sagte mir im selben
Augenblick: Wenn dieser Bolzen noch lange bockt, werde
ich ihn mit einem Hammerschlag heraushauen müssen.
Der kleine Prinz störte meine Überlegungen von neuem:
»Und du glaubst, daß die Blumen...«
»Aber nein! Aber nein! Ich glaube nichts! Ich habe
irgend etwas dahergeredet. Wie du siehst, beschäftige ich
mich mit wichtigeren Dingen!«
Er schaute mich verdutzt an.
»Mit wichtigeren Dingen!«
Er sah mich an, wie ich mich mit dem Hammer in der
Hand und vom Schmieröl verschmutzten Händen über
einen Gegenstand beugte, der ihm ausgesprochen häßlich
erscheinen mußte.
»Du sprichst ja wie die großen Leute!«
Das beschämte mich. Er aber fügte unbarmherzig hinzu:
»Du verwechselst alles, du bringst alles durcheinander!«
Er war wirklich sehr aufgebracht. Er schüttelte sein
goldenes Haar im Wind.
»Ich kenne einen Planeten, auf dem ein puterroter Herr
haust. Er hat nie den Duft einer Blume geatmet. Er hat nie
einen Stern angeschaut.
Er hat nie jemanden geliebt. Er hat nie etwas anderes als
Additionen gemacht. Und den ganzen Tag wiederholt er
wie du: Ich bin ein ernsthafter Mann! Ich bin ein ernsthafter
Mann! Und das macht ihn ganz geschwollen vor Hochmut.
Aber das ist kein Mensch, das ist ein Schwamm.«
»Ein was?«
»Ein Schwamm!«
Der kleine Prinz war jetzt ganz blaß vor Zorn.
»Es sind nun Millionen Jahre, daß die Blumen Dornen
hervorbringen. Es sind Millionen Jahre, daß die Schafe
trotzdem die Blumen fressen. Und du findest es unwichtig,
wenn man wissen möchte, warum sie sich so viel Mühe
geben, Dornen hervorzubringen, die zu nichts Zweck
haben? Dieser Kampf der Schafe mit den Blumen soll
unwichtig sein? Weniger ernsthaft als die Additionen eines
dicken, roten Mannes? Und wenn ich eine Blume kenne,
die es in der ganzen Welt nur ein einziges Mal gibt,
nirgends anders als auf meinem kleinen Planeten, und wenn
ein kleines Schaf, ohne zu wissen, was es tut, diese Blume
eines Morgens so mit einem einzigen Biß auslöschen kann,
- das soll nicht wichtig sein?!«
Er wurde rot vor Erregung und fuhr fort:
»Wenn einer eine Blume liebt, die es nur ein einziges
Mal gibt auf allen Millionen und Millionen Sternen, dann
genügt es ihm völlig, daß er zu ihnen hinaufschaut, um
glücklich zu sein. Er sagt sich: Meine Blume ist da oben,
irgendwo... Wenn aber das Schaf die Blume frißt, so ist es
für ihn, als wären plötzlich alle Sterne ausgelöscht! Und das
soll nicht wichtig sein?«
Er konnte nichts mehr sagen. Er brach plötzlich in
Schluchzen aus. Die Nacht war hereingebrochen. Ich hatte
mein Werkzeug weggelegt. Mein Hammer, mein Bolzen,
der Durst und der Tod, alles war mir gleichgültig. Es galt
auf einem Stern, einem Planeten, auf dem meinigen, hier auf
der Erde, einen kleinen Prinzen zu trösten! Ich nahm ihn in
die Arme. Ich wiegte ihn. Ich flüsterte ihm zu: »Die Blume,
die du liebst, ist nicht in Gefahr... Ich werde ihm einen
Maulkorb zeichnen, deinem Schaf... Ich werde dir einen
Zaun für deine Blume zeichnen... Ich...« Ich wußte nicht,
was ich noch sagen sollte. Ich kam mir sehr ungeschickt
vor. Ich wußte nicht, wie ich zu ihm gelangen, wo ich ihn
erreichen konnte. Es ist so geheimnisvoll, das Land der
Tränen.

VIII
Bald sollte ich jene Blume besser kennenlernen. Es hatte
auf dem Planeten des kleinen Prinzen immer schon
Blumen gegeben, sehr einfache, aus einem einzigen
Kranz von Blütenblättern geformt; sie spielten keine
große Rolle und störten niemanden. Sie leuchteten eines
Morgens im Grase auf und erloschen am Abend. Aber
jene eine hatte eines Tages Wurzel geschlagen, aus
einem Samen, weiß Gott woher, und der kleine Prinz
hatte diesen Sproß, der den andern Sprößlingen nicht
glich, sehr genau überwacht. Das konnte eine neue Art
Affenbrotbaum sein. Aber der Strauch hörte bald auf zu
wachsen und begann, eine Blüte anzusetzen. Der kleine
Prinz, der der Entwicklung einer riesigen Knospe
beiwohnte, fühlte wohl, es müsse eine wunderbare
Erscheinung aus ihr hervorgehen, aber die Blume wurde
nicht fertig damit, sich in ihrer grünen Kammer auf ihre
Schönheit vorzubereiten. Sie wählte ihre Farben mit
Sorgfalt, sie zog sich langsam an, sie ordnete ihre
Blütenblätter eins nach dem andern. Sie wollte nicht wie
die Mohnblühten ganz zerknittert herauskommen. Sie
wollte nicht früher erscheinen als im vollen Ornat ihrer
Schönheit. Nun ja! sie wollte gefallen. Ihre
geheimnisvolle Toilette hatte also Tage und Tage
gedauert. Und dann, eines Morgens, gerade zur Stunde
des Sonnenaufganges, hatte sie sich enthüllt.
Und die, die mit solcher Genauigkeit gearbeitet hatte,
sagte gähnend:
»Ach! ich bin kaum aufgewacht... Ich bitte um
Verzeihung... Ich bin noch ganz zerrauft...«
Da konnte der kleine Prinz seine Bewunderung nicht
mehr verhalten:
»Wie schön Sie sind!«
»Nicht wahr?« antwortete sanft die Blume. »Und ich
bin zugleich mit der Sonne geboren...«
Der kleine Prinz erriet wohl, daß sie nicht allzu
bescheiden war, aber sie war so rührend!
»Ich glaube, es ist Zeit zum Frühstücken«, hatte sie
bald hinzugefügt, »hätten Sie die Güte, an mich zu
denken?«
Und völlig verwirrt hatte der kleine Prinz eine
Gießkanne mit frischem Wasser geholt und die Blume
bedient.



So hatte sie ihn sehr bald schon mit ihrer etwas scheuen
Eitelkeit gequält. Eines Tages zum Beispiel, als sie von
ihren vier Dornen sprach, hatte sie zum kleinen Prinzen
gesagt:
»Sie sollen nur kommen, die Tiger, mit ihren Krallen!«
»Es gibt keine Tiger auf meinem Planeten«, hatte der
kleine Prinz eingewendet, »und die Tiger fressen auch
kein Gras.«
»Ich bin kein Gras«, hatte die Blume sanft
geantwortet.
»Verzeihen Sie mir...«
»Ich fürchte mich nicht vor den Tigern, aber mir graut
vor der Zugluft. Hätten Sie keinen Wandschirm?«
Grauen vor Zugluft?... Das sind schlechte Aussichten
für eine Pflanze, hatte der kleine Prinz festgestellt. Diese
Blume ist recht schwierig...
»Am Abend werden Sie mich unter einen Glassturz
stellen. Es ist sehr kalt bei Ihnen. Das ist schlecht
eingerichtet. Da, wo ich herkomme...«
Aber sie hatte sich unterbrochen. Sie war in Form
eines Samenkorns gekommen. Sie hatte nichts von den
anderen Welten wissen können. Beschämt, sich bei einer
so einfältigen Lüge ertappen zu lassen, hatte sie zwei-
oder dreimal gehustet, um den kleinen Prinzen ins
Unrecht zu setzen:
»Der Wandschirm...?«
»Dann hatte sie sich neuerlich zu ihrem Husten
gezwungen, um ihm trotzdem Gewissensbisse
aufzunötigen.


So hatte der kleine Prinz trotz des guten Willens seiner
Liebe rasch an ihr zu zweifeln begonnen, ihre
belanglosen Worte bitter ernst genommen und war sehr
unglücklich geworden.
»Ich hätte nicht auf die hören sollen«, gestand er mir
eines Tages. »Man darf den Blumen nicht zuhören, man
muß sie anschauen und einatmen. Die meine erfüllte
den Planeten mit Duft, aber ich konnte seiner nicht froh
werden. Diese Geschichte mit den Krallen, die mich so
gereizt hat, hätte mich rühren sollen.«
Er vertraute mir noch an:
»Ich habe das damals nicht verstehen können! Ich
hätte sie nach ihrem Tun und nicht nach ihren Worten
beurteilen sollen. Sie duftete und glühte für mich. Ich
hätte niemals fliehen sollen! Ich hätte hinter all den
armseligen Schlichen Ihre Zärtlichkeit erraten sollen. Die
Blumen sind so widerspruchsvoll! Aber ich war zu jung,
um sie lieben zu können.«

IX
Ich glaube, daß er zu seiner Flucht einen Zug wilder
Vögel benutzt hat. Am Morgen seiner Abreise brachte er
seinen Planeten schön in Ordnung. Sorgfältig fegte er
seine tätigen Vulkane. Er besaß zwei tätige Vulkane, das
war sehr praktisch zum Frühstückkochen. Er besaß auch
einen erloschenen Vulkan. Da er sich aber sagte: Man
kann nie wissen! fegte er auch den erloschenen Vulkan.
Wenn sie gut gefegt werden, brennen die Vulkane sanft
und regelmäßig, ohne Ausbrüche. Die Ausbrüche der
Vulkane sind nichts weiter als Kaminbrände. Es ist klar:
Wir auf unserer Erde sind viel zu klein, um unsere
Vulkane zu kehren. Deshalb machen sie uns so viel
Verdruß.
Der kleine Prinz riß auch ein bißchen schwermütig die
letzten Triebe des Affenbrotbaumes aus. Er glaubte nicht,
daß er jemals zurückkehren müsse. Aber alle diese
vertrauten Arbeiten erschienen ihm an diesem Morgen
ungemein süß. Und, als er die Blume zum letztenmal
begoß und sich anschickte, sie unter den Schutz der
Glasglocke zu stellen, entdeckte er in sich das Bedürfnis
zu weinen.
»Adieu«, sagte er zur Blume.
Aber sie antwortete ihm nicht.
»Adieu«, wiederholte er.
Die Blume hustete. Aber das kam nicht von der
Erkältung.
»Ich bin dumm gewesen«, sagte sie endlich zu ihm.
»Ich bitte dich um Verzeihung. Versuche, glücklich zu
sein.«
Es überraschte ihn, daß die Vorwürfe ausblieben. Er
stand ganz fassungslos da, mit der Glasglocke in der
Hand. Er verstand diese stille Sanftmut nicht.
»Aber ja, ich liebe dich«, sagte die Blume. »Du hast
nichts davon gewußt. Das ist meine Schuld. Es ist ganz
unwichtig. Aber du warst ebenso dumm wie ich.
Versuche, glücklich zu sein... Laß diese Glasglocke
liegen! Ich will sie nicht mehr...«
»Aber der Wind...«
»Ich bin nicht so stark erkältet, daß... Die frische
Nachtluft wird mir gut tun. Ich bin eine Blume.«
»Aber die Tiere...«
»Ich muß wohl zwei oder drei Raupen aushalten, wenn
ich die Schmetterlinge kennenlernen will. Auch das
scheint sehr schön zu sein. Wer wird mich sonst
besuchen? Du wirst ja weit weg sein. Was aber die
großen Tiere angeht, so fürchte ich mich nicht. Ich habe
meine Krallen.«
Und sie zeigt treuherzig ihre vier Dornen. Dann fügte
sie noch hinzu:
»Zieh es nicht so in die Länge, das ist ärgerlich. Du
hast dich entschlossen zu reisen. So geh!«
Denn sie wollte nicht, daß er sie weinen sähe. Es war
eine so stolze Blume.

X
Er befand sich in der Region der Asteroiden 325, 326,
327, 328, 329 und 330. Er begann also, sie zu besuchen,
um sich zu beschäftigen und um sich zu bilden.
Auf dem ersten wohnte ein König.
Der König thronte in Purpur und Hermelin auf einem
sehr einfachen und dabei sehr königlichen Thron.
»Ah! Sieh da, ein Untertan«, rief der König, als er den
kleinen Prinzen sah.
Und der kleine Prinz fragte sich: Wie kann er mich
kennen, da er mich noch nie gesehen hat!
Er wußte nicht, daß für die Könige die Welt etwas
höchst Einfaches ist: Alle Menschen sind Untertanen.
»Kömm naher, daß ich dich besser sehe«, sagte der
König und war ganz stolz, daß er endlich für jemanden
König war.
Der kleine Prinz schaute sich nach einer Sitzgelegenheit
um, aber der ganze Planet war bedeckt von dem
herrlichen Hermelinmantel.
Er blieb also stehen, und da er müde war, gähnte er.
Es verstößt gegen die Etikette, in Gegenwart eines
Königs zu gähnen«, sagte der Monarch. »Ich verbiete es
dir.«
»Ich kann es nicht unterdrücken«, antwortete der
kleine Prinz ganz verwirrt. »Ich habe eine weite Reise
gemacht und habe nicht geschlafen...«
»Dann«, sagte der König, »befehle ich dir zu gähnen.
Ich habe seit Jahren niemanden gähnen sehen, das
Gähnen ist für mich eine Seltenheit. Los! gähne noch
einmal! Es ist ein Befehl.«
»Das ängstigt mich, ich kann nicht mehr...«, stammelte
der kleine Prinz und errötete.
»Hm, hm!« antwortete der König. »Also dann...
befehle ich dir, bald zu gähnen und bald...«
Er murmelte ein bißchen und schien verärgert.
Denn der König hielt in hohem Maße darauf, daß man
seine Autorität respektiere. Er duldete keinen
Ungehorsam. Er war ein absoluter Monarch. Aber da er
sehr gütig war, gab er vernünftige Befehle.
»Wenn ich geböte«, pflegte er zu sagen, »wenn ich
einem General geböte, sich in einen Seevogel zu
verwandeln, und wenn dieser General nicht gehorchte, es
wäre nicht die Schuld des Generals. Es wäre meine
Schuld.«
»Darf ich mich setzen?« fragte schüchtern der kleine
Prinz.
»Ich befehle dir, dich zu setzen«, antwortete der König
und zog einen Zipfel seines Hermelinmantels majestätisch
an sich heran.
Aber der kleine Prinz staunte. Der Planet war winzig
klein. Worüber konnte der König wohl herrschen?
»Herr«, sagte er zu ihm... »ich bitte, verzeiht mir, daß
ich Euch frage...«
»Ich befehle dir, mich zu fragen«, beeilte sich der
König zu sagen.
»Herr... worüber herrscht Ihr?«
»Über alles«, antwortete der König mit großer
Einfachheit.
»Über alles?«
Der König wies mit einer bedeutsamen Gebärde auf
seinen Planeten, auf die anderen Planeten und auf die
Sterne.
»Über all das?« sagte der kleine Prinz.
»Über all das...«, antwortete der König.
Denn er war nicht nur ein absoluter Monarch, sondern
ein universeller.
»Und die Sterne gehorchen Euch?«
»Gewiß«, sagte der König. »sie gehorchen aufs Wort.
Ich dulde keinen Ungehorsam.«
Solche Macht verwunderte den kleinen Prinzen sehr.
Wenn er sie selbst gehabt hätte, wäre es ihm möglich
gewesen, nicht dreiundvierzig, sondern zweiundsiebzig
oder sogar hundert oder selbst zweihundert
Sonnenuntergängen an ein und demselben Tage
beizuwohnen, ohne daß er seinen Sessel hätte rücken
müssen. Und da er sich in der Erinnerung an seinen
kleinen verlassenen Planeten ein bißchen traurig fühlte,
faßte er sich ein Herz und bat den König um eine Gnade:
»Ich möchte einen Sonnenuntergang sehen... Machen
Sie mir die Freude... Befehlen Sie der Sonne
unterzugehen...«
»Wenn ich einem General geböte, nach der Art der
Schmetterlinge von einer Blume zu andern zu fliegen oder
eine Tragödie zu schreiben oder sich in einen Seevogel zu
verwandeln, und wenn dieser General den erhaltenen
Befehl nicht ausführte, wer wäre im Unrecht, er oder
ich?«
»Sie wären es«, sagte der kleine Prinz überzeugt.
»Richtig. Man muß von jedem fordern, was er leisten
kann«, antwortete der König. »Die Autorität beruht vor
allem auf der Vernunft. Wenn du deinem Volke befiehlst,
zu marschieren und sich ins Meer zu stürzen, wird es
revoltieren. Ich habe das Recht, Gehorsam zu fordern,
weil meine Befehl vernünftig sind.«
»Was ist also mit meinem Sonnenuntergang?« erinnerte
der kleine Prinz, der niemals eine Frage vergaß, wenn er
sie einmal gestellt hatte.
»Deinen Sonnenuntergang wirst du haben. Ich werde
ihn befehlen. Aber in meiner Herrscherweisheit werde ich
warten, bis die Bedingungen dafür günstig sind.«
»Wann wird das sein?« erkundigte sich der kleine
Prinz.
»Hm, hm!« antwortete der König, der zunächst einen
großen Kalender studierte, »hm, hm! Das wir sein
gegen... gegen... das wird heute abend gegen sieben Uhr
vierzig sein! Und du wirst sehen, wie man mir gehorcht.«
Der kleine Prinz gähnte. Es tat ihm leid um den
versäumten Sonnenuntergang. Er langweilte sich schon
ein bißchen.
»Ich habe hier nichts mehr zu tun«, sagte er zum
König. »Ich werde wieder abreisen!«
»Reise nicht ab«, antwortete der König, der so stolz
war, einen Untertanen zu haben, »ich mache dich zum
Minister!«
»Zu was für einem Minister?«
»Zum... zum Justizminister!«
»Aber es ist niemand da, über den man richten
könnte!«
»Das weiß man nicht«, sagte der König. »Ich habe die
Runde um mein Königreich noch nicht gemacht. Ich bin
sehr alt, ich habe keine Platz für einen Wagen und das
Gehen macht mich müde.«
»Oh! Aber ich habe schon gesehen«, sagte der kleine
Prinz, der sich bückte, um einen Blick auf die andere
Seite des Planeten zu werfen, »es ist auch dort drüben
niemand...«
»Du wirst also über dich selbst richten«, antwortete
ihm der König. »Das ist das Schwerste. Es ist viel
schwerer, sich selbst zu verurteilen, als über andere zu
richten. Wenn es dir gelingt, über dich selbst gut zu
Gericht zu sitzen, dann bist du ein wirklicher Weiser.«
»Ich«, sagte der kleine Prinz, »ich kann über mich
richten, wo immer ich bin. Dazu brauche ich nicht hier zu
wohnen.«
»Hm, hm!« sagte der König, »ich glaube, daß es auf
meinem Planeten irgendwo eine alte Ratte gibt. Ich höre
sie in der Nacht. Du könntest Richter über dies alte Ratte
sein. Du wirst sie von Zeit zu Zeit zum Tode verurteilen.
So wird ihr Leben von deiner Rechtsprechung abhängen.
Aber du wirst sie jedesmal begnadigen, um sie
aufzusparen. Es gibt nur eine.«
»Ich liebe es nicht, zum Tode zu verurteilen«,
antwortete der kleine Prinz, »und ich glaube wohl, daß
ich jetzt gehe.«
»Nein«, sagte der König.
Aber der kleine Prinz, der seine Vorbereitungen
bereits getroffen hatte, wollte dem alten Monarchen nicht
wehtun:
»Wenn Eure Majestät Wert auf pünktlichen Gehorsam
legen, könnten Sie mir einen vernünftigen Befehl erteilen.
Sie könnten mir zum Beispiel befehlen, innerhalb eine
Minute zu verschwinden. Es scheint mir, daß die
Umstände günstig sind...«
Da der König nichts erwiderte, zögerte der kleine
Prinz zuerst, dann brach er mit einem Seufzer auf.
»Ich mache dich zu meinem Gesandten«, beeilte sich
der König, ihm nachzurufen.
Er gab sich den Anschein großer Autorität.
Die großen Leute sind sehr sonderbar, sagte sich der
kleine Prinz auf seiner Reise.

XI
Der zweite Planet war von einem Eitlen bewohnt.
»Ah, ah, schau, schau, ein Bewunderer kommt zu
Besuch!« rief der Eitle von weitem, sobald er des kleinen
Prinzen ansichtig wurde.
Denn für die Eitlen sind die anderen Leute
Bewunderer.
»Guten Tag«, sagte der kleine Prinz. »Sie haben einen
spaßigen Hut auf.«
»Der ist zum Grüßen«, antwortete ihm der Eitle. »Er ist
zum Grüßen, wenn man mir zujauchzt.
Unglücklicherweise kommt hier niemand vorbei.«
»Ach ja?« sagte der kleine Prinz, der nichts davon
begriff.
»Schlag deine Hände zusammen«, empfahl ihm der
Eitle.
Der kleine Prinz schlug seine Hände gegeneinander.
Der Eitle grüßte bescheiden, indem er seinen Hut lüftete.
Das ist unterhaltender als der Besuch beim König,
sagte sich der kleine Prinz.
Und er begann von neuem die Hände
zusammenzuschlagen. Der Eitle wieder fuhr fort, seinen
Hut grüßend zu lüften.
Nach fünf Minuten wurde der kleine Prinz der
Eintönigkeit dieses Spieles überdrüssig:
»Und was muß man tun«, fragte er, »damit der Hut
herunterfällt?«
Aber der Eitle hörte ihn nicht. Die Eitlen hören immer
nur die Lobreden.
»Bewunderst du mich wirklich sehr?« fragte er den
kleinen Prinzen.
»Was heißt bewundern?«
»Bewundern heißt erkennen, daß ich der schönste, der
bestangezogene, der reichste und der intelligenteste
Mensch des Planeten bin.«
»Aber du bist doch allein auf deinem Planeten!«
»Mach mir die Freude, bewundere mich trotzdem!«
»Ich bewundere dich«, sagte der kleine Prinz, indem er
ein bißchen die Schultern hob, »aber wozu nimmst du das
wichtig?«
Und der kleine Prinz machte sich davon.
Die großen Leute sind entschieden sehr verwunderlich,
stellte er auf seiner Reise fest.

XII
Den nächsten Planeten bewohnte ein Säufer. Dieser
Besuch war sehr kurz, aber er tauchte den kleinen
Prinzen in eine tiefe Schwermut.
»Was machst du da?« fragte er den Säufer, den er
stumm vor einer Reihe leerer und einer Reihe voller
Flaschen sitzend antraf.
»Ich trinke«, antwortete der Säufer mit düsterer Miene.
»Warum trinkst du?« fragte ihn der kleine Prinz.
»Um zu vergessen«, antwortete der Säufer.
»Um was zu vergessen?« erkundigte sich der kleine
Prinz, der ihn schon bedauerte.
»Um zu vergessen, daß ich mich schäme«, gestand der
Säufer und senkte den Kopf.
»Weshalb schämst du dich?« fragte der kleine Prinz,
der den Wunsch hatte, ihm zu helfen.
»Weil ich saufe!« endete der Säufer und verschloß sich
endgültig in sein Schweigen.
Und der kleine Prinz verschwand bestürzt.
Die großen Leute sind entschieden sehr, sehr
wunderlich, sagte zu sich auf seiner Reise.

XIII
Der vierte Planet war der des Geschäftsmannes. Dieser Mann
war so beschäftigt, daß er bei der Ankunft der kleinen Prinzen
nicht einmal den Kopf hob.
»Guten Tag«, sagte dieser zu ihm. »Ihre Zigarette ist
ausgegangen.«
»Drei und zwei ist fünf. Fünf und sieben ist zwölf. Zwölf und
drei ist fünfzehn. Guten Tag. Fünfzehn und sieben ist
zweiundzwanzig. Zweiundzwanzig und sechs ist achtundzwanzig.
Keine Zeit, sie wieder anzuzünden. Sechundzwanzig und fünf ist
einunddreißig. Uff! Das macht also fünfhunderteine Million,
sechshundertzweiundzwanzigtausendsiebenhunderteinunddreißig.«
»Fünfhundert Millionen wovon?«
»Wie? Du bist immer noch da? Fünfhunderteine Million von...
ich weiß nicht mehr... ich habe so viel Arbeit! Ich bin ein
ernsthafter Mann, ich gebe mich nicht mit Kindereien ab. Zwei
und fünf ist sieben...«
»Fünfhunderteine Million wovon?« wiederholte der kleine
Prinz, der niemals in seinem Leben auf eine Frage verzichtete, die
er einmal gestellt hatte.
Der Geschäftsmann hob den Kopf.
»In den vierundfünfzig Jahren, die ich auf diesem Planeten
wohne, bin ich nur dreimal gestört worden. Das erstemal war es
vor zweiundzwanzig Jahren ein Maikäfer, der von weiß Gott wo
heruntergefallen war. Er machte einen schrecklichen Lärm, und
ich habe in einer Addition vier Fehler gemacht. Das zweite Mal,
vor elf Jahren, war es ein Anfall von Rheumatismus. Es fehlt mir
an Bewegung. Ich habe nicht Zeit, herumzubummeln. Ich bin ein
ernsthafter Mann. Und das ist nun das dritte Mal! Ich sagte also,
fünfhunderteine Million...«
»Millionen wovon?«
Der Geschäftsmann begriff, daß es keine Aussicht auf Frieden
gab:
»Millionen von diesen kleinen Dingern, die man manchmal am
Himmel sieht.«
»Fliegen?«
»Aber nein, kleine Dinger, die glänzen.«
»Bienen?«
»Aber nein. Kleine goldene Dinger, von denen die Nichtstuer
träumerisch werden. Ich bin ein ernsthafter Mann. Ich habe nicht
Zeit zu Träumereien.«
»Ach, die Sterne?«
»Dann sind es wohl die Sterne.«
»Und was machst du mit fünfhundert Millionen Sternen?«
»Fünfhunderteine Million
sechshundertzweiundzwanzigtausensiebenhunderteinunddreißig.
Ich bin ein ernsthafter Mann, ich nehme es genau.«
»Und was machst du mit diesen Sternen?«
»Was ich damit mache?«
»Ja.«
»Nichts. Ich besitze sie.«
»Du besitzt die Sterne?«
»Ja.«
»Aber ich habe schon einen König gesehen, der...«
»Könige besitzen nicht, sie 'regieren über'. Das ist etwas ganz
anderes.«
»Und was hast du davon, die Sterne zu besitzen?«
»Das macht mich reich.«
»Und was hast du vom Reichsein?«
»Weitere Sterne kaufen, wenn jemand welche findet.«
Der da, sagte sich der kleine Prinz, denkt ein bißchen wie mein
Säufer.
Indessen stellte er noch weitere Fragen:
»Wie kann man die Sterne besitzen?«
»Wem gehören sie?« erwiderte mürrisch der Geschäftsmann.
»Ich weiß nicht. Niemandem.«
»Dann gehören sie mir, ich habe als erster daran gedacht.«
»Das genügt?«
»Gewiß. Wenn du einen Diamanten findest, der niemandem
gehört, dann ist er dein. Wenn du eine Insel findest, die
niemandem gehört, so ist sie dein. Wenn du als erster einen Einfall
hast und du läßt ihn patentieren, so ist er dein. Und ich, ich
besitze die Sterne, da niemand vor mir daran gedacht hat, sie zu
besitzen.«
»Das ist wahr«, sagte der kleine Prinz. »Und was machst du
damit?«
»Ich verwalte sie. Ich zähle sie und zähle sie wieder«, sagte der
Geschäftsmann. »Das ist nicht leicht. Aber ich bin ein ernsthafter
Mann.«
Der kleine Prinz war noch nicht zufrieden.
»Wenn ich eine Seidenschal habe, kann ich ihn um meinen Hals
wickeln und mitnehmen. Wenn ich eine Blume habe, kann ich
meine Blume pflücken und mitnehmen. Aber du kannst die Sterne
nicht pflücken!«
»Nein, aber ich kann sie in die Bank legen.«
»Was soll das heißen?«
»Das heißt, daß ich die Zahl meiner Sterne auf ein kleines
Papier schreibe. Und dann sperre ich diese Papiers in eine
Schublade.«
»Und das ist alles?«
»Das genügt.«
Das ist amüsant, dachte der kleine Prinz. Es ist fast dichterisch.
Aber es ist nicht ganz ernst zu nehmen.
Der kleine Prinz dachte über die ernsthaften Dinge völlig
anders als die großen Leute.
»Ich«, sagte er noch, »ich besitze eine Blume, die ich jeden
Tag begieße. Ich besitze drei Vulkane, die ich jede Woche kehre.
Denn ich kehre auch den erloschenen. Man kann nie wissen. Es
ist gut für meine Vulkane und gut für meine Blume, daß ich sie
besitze. Aber du bist für die Sterne zu nichts nütze...«
Der Geschäftsmann öffnete den Mund, aber er fand keine
Antwort, und der kleine Prinz verschwand.
Die großen Leute sind entschieden ganz ungewöhnlich, sagte er
sich auf der Reise.

XIV
Der fünfte Planet war sehr sonderbar. Er war der kleinste
von allen. Es war da gerade Platz genug für eine
Straßenlaterne und einen Laternenanzünder.
Der kleine Prinz konnte sich nicht erklären, wozu man
irgendwo im Himmel, auf einem Planeten ohne Haus und
ohne Bewohner, eine Straßenlaterne und einen
Laternenanzünder braucht. Doch sagte er sich:
Es kann ganz gut sein, daß dieser Mann ein bißchen
verrückt ist. Doch ist er weniger verrückt als der König,
der Eitle, der Geschäftsmann und der Säufer. Seine
Arbeit hat wenigstens einen Sinn. Wenn er seine Laterne
anzündet, so ist es, als setze er einen neuen Stern in die
Welt, oder eine Blume. Wenn er seine Laterne auslöscht,
so schlafen Stern oder Blume ein. Das ist eine sehr
hübsche Beschäftigung. Es ist auch wirklich nützlich, da
es hübsch ist.
Als er auf dem Planeten ankam, grüßte er den
Laternenanzünder ehrerbietig.
»Guten Tag. Warum hast Du Deine Laterne eben
ausgelöscht?«
»Ich habe die Weisung«, antwortete der Anzünder.
»Guten Tag.«
»Was ist das, die Weisung?«
»Die Weisung, meine Laterne auszulöschen. Guten
Abend.«
Und er zündete sie wieder an.
»Aber warum hast Du sie soeben wieder
angezündet?«
»Das ist die Weisung.«, antwortete der Anzünder.
»Ich verstehe nicht«, sagte der kleine Prinz.
»Da ist nichts zu verstehen« sagte der Anzünder. »Die
Weisung ist eben die Weisung. Guten Tag.«
Und er löschte seine Laterne wieder aus.
Dann trocknete er sich die Stirn mit einem rotkarierten
Taschentuch.
»Ich tue da einen schrecklichen Dienst. Früher ging es
vernünftig zu. Ich löschte am Morgen aus und zündete am
Abend an. Den Rest des Tages hatte ich zum Ausruhen
und den Rest der Nacht zum Schlafen...«
»Seit damals wurde die Weisung geändert?«
»Die Weisung wurde nicht geändert« sagte der
Anzünder. »Das ist ja das Trauerspiel! Der Planet hat
sich von Jahr zu Jahr schneller und schneller gedreht und
die Weisung ist die gleiche geblieben!«
»Und?«, sagte der kleine Prinz.
»Und jetzt, da er in der Minute eine Umdrehung
macht, habe ich nicht mehr eine Sekunde Ruhe. Jede
Minute zünde ich einmal an, lösche ich einmal aus!«
»Das ist drollig! Die Tage dauern bei dir eine Minute!«
»Das ist ganz und gar nicht drollig«, sagte der
Anzünder. »Das ist nun schon ein Monat, daß wir
miteinander sprechen.«
»Ein Monat?«
»Ja, dreißig Minuten. Dreißig Tage! Guten Abend.«
Und er zündete seine Laterne wieder an.
Der kleine Prinz sah ihm zu, und er liebte diesen
Anzünder, der sich so treu an seine Weisung hielt. Er
erinnerte sich der Sonnenuntergänge, die er einmal
gesucht hatte und um derentwillen er seinen Sessel rückte.
Er wollte seinem Freund beispringen:
»Weißt du ... ich kenne ein Mittel, wie du dich
ausruhen könntest, wenn du wolltest...«
»Ich will immer«, sagte der Anzünder.
Denn man kann treu und faul zugleich sein. Der kleine
Prinz fuhr fort:
»Dein Planet ist so klein, daß Du mit drei Sprüngen
herumkommst. Du mußt nur langsam genug gehen, um
immer in der Sonne zu bleiben. Willst Du dich ausruhen,
dann gehst Du... und der Tag wird so lange dauern, wie
Du willst.«
»Das hat nicht viel Witz«, sagte der Anzünder, »was
ich im Leben liebe, ist der Schlaf.«
»Dann ist es aussichtslos«, sagte der kleine Prinz.
»Aussichtslos«, sagte der Anzünder. »Guten Tag.«
Und er löschte seine Lampe aus.
Der, sagte sich der kleine Prinz, während er seine
Reise fortsetzte, der wird von allen anderen verachtet
werden, vom König, vom Eitlen, vom Säufer, vom
Geschäftsmann. Dabei ist er der einzige, den ich nicht
lächerlich finde. Das kommt vielleicht daher, weil er sich
mit anderen Dingen beschäftigt statt mit sich selbst.
Er stieß einen Seufzer des Bedauerns aus und sagte
sich noch:
Der ist der einzige, den ich zu meinem Freund hätte
machen können. Aber sein Planet ist wirklich zu klein. Es
ist nicht viel Platz für zwei...
Was sich der kleine Prinz nicht einzugestehen wagte,
war, daß er diesem gesegneten Planeten nachtrauerte,
besonders der tausendvierhundertvierzig
Sonnenuntergänge wegen, in vierundzwanzig Stunden!

XV
Der sechste Planet war zehnmal so groß. Er war von
einem alten Herrn bewohnt, der ungeheure Bücher
schrieb.
»Da schau! Ein Forscher!« rief er, als er den kleinen
Prinzen sah.
Der kleine Prinz setzte sich an den Tisch und
verschnaufte ein wenig. Er war schon so viel gereist!
»Woher kommst Du?« fragte ihn der alte Herr. »Was
ist das für ein dickes Buch?« sagte der kleine Prinz.
»Was machen Sie da?«
»Ich bin Geograph«, sagte der alte Herr.
»Was ist das, ein Geograph?«
»Das ist ein Gelehrter, der weiß, wo sich die Meere,
die Ströme, die Städte, die Berge und die Wüsten
befinden.«
»Das ist sehr interessant«, sagte der kleine Prinz.
»Endlich ein richtiger Beruf!«
Und er warf einen Blick um sich auf den Planeten des
Geographen. Er hatte noch nie einen so majestätischen
Planeten gesehen.
»Er ist sehr schön, Euer Planet. Gibt es da auch
Ozeane?«
»Das kann ich nicht wissen«, sagte der Geograph.
»Ach!« Der kleine Prinz war enttäuscht. »Und
Berge?«
»Das kann ich auch nicht wissen«, sagte der
Geograph.
»Aber ihr seid Geograph! - Und Städte und Flüsse
und Wüsten?«
»Auch das kann ich nicht wissen.«
»Aber ihr seid doch Geograph!«
»Richtig«, sagte der Geograph, »aber ich bin nicht
Forscher. Es fehlt uns gänzlich an Forschern. Nicht der
Geograph geht die Städte, die Ströme, die Berge, die
Meere, die Ozeane und die Wüsten zählen. Der
Geograph ist zu wichtig, um herumzustreunen. Er verläßt
seinen Schreibtisch nicht. Aber er empfängt die Forscher.
Er befragt sie und schreibt sich ihre Eindrücke auf. Und
wenn ihm die Notitzen eines Forschers beachtenswert
erscheinen, läßt der Geograph über dessen Moralität eine
amtliche Untersuchung anstellen.«
»Warum das?«
»Weil ein Forscher, der lügt, in den
Geographiebüchern Katastrophen herbeiführen würde.
Und auch ein Forscher, der zuviel trinkt.«
»Wie das?«, fragte der kleine Prinz.
»Weil die Säufer doppelt sehen. Der Geograph würde
dann zwei Berge einzeichnen, wo nur ein einziger
vorhanden ist.«
»Ich kenne einen«, sagte der kleine Prinz, »der wäre
ein schlechter Forscher.«
»Das ist möglich. Doch wenn die Moralität des
Forschers gut zu sein scheint, macht man eine
Untersuchung über seine Entdeckung.«
»Geh man nachsehen?«
»Nein. Das ist zu umständlich. Aber man verlangt vom
Forscher, daß er Beweise liefert. Wenn es sich zum
Beispiel um die Entdeckung eines großen Berges handelt,
verlangt man, daß er große Steine mitbringt.«
Plötzlich ereiferte sich der Geograph.
»Und du, du kommst von weit her! Du bist ein
Forscher! Du wirst mir Deinen Planeten beschreiben!«
Und der Geograph schlug sein Registrierbuch auf und
spitzte einen Bleistift.
Zuerst notiert man die Erzählungen der Forscher mit
Bleistift. Um sie mit Tinte aufzuschreiben, wartet man, bis
der Forscher Beweise geliefert hat.
»Nun?« fragte der Geograph.
»Oh, bei mir zu Hause«, sagte der kleine Prinz, »ist
nicht viel los, da ist es ganz klein. Ich habe drei Vulkane.
Zwei Vulkane in Tätigkeit und einen erloschenen. Aber
man kann nie wissen.«
»Man weiß nie«, sagte der Geograph.
»Ich habe auch eine Blume.«
»Wir schreiben Blumen nicht auf«, sagte der
Geograph.
»Warum das? Sie sind das Schönste!«
»Weil Blumen vergänglich sind.«
»Was heißt 'vergänglich'?«
»Die Geographiebücher«, entgegnete der Geograph,
»sind die wertvollsten von allen Büchern. Sie veralten nie.
Es ist sehr selten, daß ein Berg seinen Platz wechselt. Es
ist sehr selten, daß ein Ozean seine Wasser ausleert. Wir
schreiben die ewigen Dinge auf.«
»Aber die erloschenen Vulkane können wieder
aufwachen«, unterbrach der kleine Prinz. »Was bedeutet
'vergänglich'?«
»Ob die Vulkane erloschen oder tätig sind, kommt für
uns aufs gleiche hinaus«, sagte der Geograph. »Was für
uns zählt, ist der Berg. Er verändert sich nicht.«
»Aber was bedeutet 'vergänglich'?« wiederholte der
kleine Prinz, der in seinem Leben noch nie auf eine einmal
gestellte Frage verzichtet hatte.
»Das heißt 'von baldigem Entschwinden bedroht'.«
»Ist meine Blume von baldigem Entschwinden
bedroht?«
»Gewiß.«
Meine Blume ist vergänglich, sagte sich der kleine
Prinz, und sie hat nur vier Dornen, um sich gegen die
Welt zu wehren! Und ich habe sie ganz allein zu Hause
zurückgelassen!
Das war die erste Regung seiner Reue. Aber er faßte
wieder Mut.
»Was raten Sie mir, wohin ich gehen soll?« fragte er.
»Auf den Planeten Erde«, antwortete der Geograph,
»er hat einen guten Ruf...«
Und der kleine Prinz machte sich auf und dachte an
seine Blume.

XVI
Der siebente Planet war also die Erde.
Die Erde ist nicht irgend ein Planet! Man zählt da
hundertelf Könige, wenn man, wohlgemerkt, die
Negerkönige nicht vergißt, siebentausend Geographen,
neunhunderttausend Geschäftsleute, siebeneinhalb
Millionen Säufer, dreihundertelf Millionen Eitle, kurz -
ungefähr zwei Milliarden erwachsene Leute.
Um euch einen Begriff von den Ausmaßen der Erde zu
geben, muß ich euch sagen, daß man vor der Erfindung
der Elektrizität dort auf allen sechs Kontinenten
zusammen eine ganze Armee von
vierhundertzweiundsechzigtausendfünfhundertelf
Laternenanzündern im Dienst hatte.
Von einiger Entfernung aus gesehen, wirkte das
prächtig. Die Bewegungen dieser Armee waren gedrillt,
wie die eines Opernballetts. Den Reigen begannen die
Anzünder der neuseeländischen und australischen
Laternen. Hatten sie ihre Lampen angezündet, gingen sie
schlafen. Dann traten die Laternenanzünder von China
und Sibirien zum Tanze an. Auch sie verschwanden hinter
den Kulissen. Dann kamen die russischen und indischen
Laternenanzünder an die Reihe. Dann die von Afrika und
Europa. Dann die von Südamerika. Dann die von
Nordamerika. Und niemals irrten sie sich in der
Reihenfolge ihres Auftritts. Es war großartig.
Nur der Anzünder der einzigen Laterne am Nordpol
und sein Kollege von der einzigen Laterne am Südpol
führten ein Leben voll Müßiggang und Gemütlichkeit: sie
arbeiteten zweimal im Jahr.

XVII
Will man geistreich sein, dann kommt es vor, daß man ein
bißchen aufschneidet. Ich war nicht ganz aufrichtig, als ich
euch von den Laternenanzündern erzählte. Ich laufe
Gefahr, denen, die unseren Planeten nicht kennen, ein
falsches Bild von ihm zu geben. Die Menschen benutzen
nur sehr wenig Raum auf der Erde. Wenn die zwei
Milliarden Einwohner, die die Erde bevölkern, sich
aufrecht und ein bißchen gedrängt hinstellten, wie bei
einer Volksversammlung etwa, kämen sie auf einem
öffentlichen Platz von zwanzig Meilen Länge und zwanzig
Meilen Breite leicht unter. Man könnte die Menschheit
auf der geringsten kleinen Insel des Pazifischen Ozeans
zusammenpferchen.
Die großen Leute werden Euch das freilich nicht
glauben. Sie bilden sich ein, viel Platz zu brauchen. Sie
nehmen sich wichtig wie Affenbrotbäume. Gebt ihnen
also den Rat, sich’s auszurechnen. Sie beten die Zahlen
an, das wird ihnen gefallen. Aber ihr sollt Eure Zeit nicht
damit verlieren. Es ist zwecklos. Ihr habt Vertrauen zu
mir.
Einmal auf der Erde, wunderte sich der kleine Prinz,
niemanden zu sehen. Er fürchtete schon, sich im Planeten
geirrt zu haben, als ein mondfarbener Ring sich im Sande
bewegte.
»Gute Nacht«, sagte der kleine Prinz aufs Geratewohl.
»Gute Nacht«, sagte die Schlange.
»Auf welchen Planeten bin ich gefallen?« fragte der
kleine Prinz.
»Auf die Erde, du bist in Afrika«, antwortete die
Schlange.
»Ah! ... es ist also niemand auf der Erde?«
»Hier ist die Wüste. In den Wüsten ist niemand. Die
Erde ist groß« sagte die Schlange.
Der kleine Prinz setzte sich auf einen Stein und hob die
Augen zum Himmel.
»Ich frage mich«, sagte er, »ob die Sterne leuchten,
damit jeder eines Tages den seinen wiederfinden kann.
Schau meinen Planeten an. Er steht gerade über uns...
Aber wie weit ist er fort!«
»Er ist schön«, sagte die Schlange. »Was willst Du hier
machen?«
»Ich habe Schwierigkeiten mit einer Blume«, sagte der
kleine Prinz.
»Ah!« sagte die Schlange.
Und sie schwiegen.
»Wo sind die Menschen?« fuhr der kleine Prinz
endlich fort. »Man ist ein bißchen einsam in der Wüste...«
»Man ist auch bei den Menschen einsam«, sagte die
Schlange.
Der kleine Prinz sah sie lange an.
»Du bist ein drolliges Tier«, sagte er schließlich, »dünn
wie ein Finger...«
»Aber ich bin mächtiger als der Finger eines Königs«,
sagte die Schlange.
Der kleine Prinz mußte lächeln.
»Du bist nicht sehr mächtig ... Du hast nicht einmal
Füße ... Du kannst nicht einmal reisen ...«
»Ich kann Dich weiter bringen als ein Schiff«, sagte die
Schlange. Sie rollte sich um den Knöchel des kleinen
Prinzen wie ein goldenes Armband.
»Wen ich berühre, den gebe ich der Erde zurück, aus
der er hervorgegangen ist«, sagte sie noch. »Aber Du bist
rein, du kommst von einem Stern...«
Der keine Prinz antwortete nichts.
»Du tust mir leid auf dieser Erde aus Granit, du, der du
so schwach bist. Ich kann dir eines Tages helfen, wenn
Du dich zu sehr nach Deinem Planeten sehnst. Ich kann
...«
»Oh, ich habe sehr gut verstanden« sagte der kleine
Prinz, »aber warum sprichst Du immer in Rätseln?«
»Ich löse sie alle«, sagte die Schlange.
Und sie schwiegen.
XVIII
Der kleine Prinz durchquerte die Wüste und begegnete
nur einer Blume mit drei Blütenblättern, einer ganz
armseligen Blume...
»Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
»Guten Tag«, sagte die Blume.
»Wo sind die Menschen?« fragte höflich der kleine
Prinz.
Die Blume hatte eines Tages eine Karawane
vorüberziehen sehen.
»Die Menschen? Es gibt, glaube ich, sechs oder
sieben. Ich habe sie vor Jahren gesehen. Aber man weiß
nie, wo sie zu finden sind. Der Wind verweht sie. Es
fehlen ihnen die Wurzeln, das ist sehr übel für sie.«
»Adieu«, sagte der kleine Prinz
»Adieu«, sagte die Blume.

XIX
Der kleine Prinz stieg auf einen hohen Berg. Die einzigen
Berge, die er kannte, waren die drei Vulkane, und sie
reichten nur bis an die Knie, und den erloschenen Vulkan
benutze er als Schemel.
Von einem Berg so hoch wie der da, sagte er sich,
werde ich mit einemmal den ganzen Planeten und alle
Menschen sehen... Aber er sah nichts als die Nadeln
spitziger Felsen.
»Guten Tag«, sagte er aufs Geratewohl.
»Guten Tag... Guten Tag... Guten Tag...«, antwortete
das Echo.
»Wer bist Du?«, sagte der kleine Prinz.
»Wer bist Du... Wer bist Du... Wer bist Du...?«,
antwortete das Echo.
»Seid meine Freunde, ich bin allein«, sagte er.
»Ich bin allein... allein... allein...«antwortete das Echo.
Was für ein merkwürdiger Planet! dachte er da. Er ist
ganz trocken, voller Spitzen und ganz salzig. Und den
Menschen fehlt es an Phantasie. Sie wiederholen, was
man ihnen sagt... Zu Hause hatte ich eine Blume: Sie
sprach immer zuerst...

XX
Aber nachdem der kleine Prinz lange über den Sand, die
Felsen und den Schnee gewandert war, geschah es, daß
er endlich eine Straße entdeckte. Und die Straßen führen
zu Menschen.
»Guten Tag«, sagte er.
Da war ein blühender Rosengarten.
»Guten Tag«, sagten die Rosen.
Der kleine Prinz sah sie an. Sie glichen alle seiner
Blume.
»Wer seid ihr?« fragte er sie höchst erstaunt.
»Wir sind Rosen«, sagten die Rosen.
»Ach!« sagte der kleine Prinz...
Und er fühlte sich sehr unglücklich. Seine Blume hatte
ihm erzählt, daß sie auf der ganzen Welt einzig in ihrer Art
sei. Und siehe!, da waren fünftausend davon, alle gleich,
in einem einzigen Garten!
Sie wäre sehr böse, wenn sie das sähe, sagte er sich...
Sie würde fürchterlich husten und so tun, als stürbe sie,
um der Lächerlichkeit zu entgehen. Und ich müßte wohl
so tun, als pflegte ich sie, denn sonst ließe ich sie wirklich
sterben, um auch mich zu beschämen...
Dann sagte er sich noch: Ich glaubte, ich sei reich
durch eine einzigartige Blume, und ich besitze nur eine
gewöhnliche Rose. Sie und meine drei Vulkane, die mir
bis ans Knie reichen und von denen einer vielleicht für
immer verloschen ist, das macht aus mir keinen sehr
großen Prinzen... Und er warf sich ins Gras und weinte.

XXI
In diesem Augenblick erschien der Fuchs:
»Guten Tag«, sagte der Fuchs.
»Guten Tag«, antwortete höflich der kleine Prinz, der
sich umdrehte, aber nichts sah.
»Ich bin da«, sagte die Stimme, »unter dem
Apfelbaum...«
»Wer bist du?« sagte der kleine Prinz. »Du bist sehr
hübsch...«
»Ich bin ein Fuchs«, sagte der Fuchs.
»Komm und spiel mit mir«, schlug ihm der kleine
Prinz vor. »Ich bin so traurig...«
»Ich kann nicht mit dir spielen«, sagte der Fuchs. »Ich
bin noch nicht gezähmt!«
»Ah, Verzeihung!« sagte der kleine Prinz.
Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu:
»Was bedeutet das: 'zähmen'?'«
»Du bist nicht von hier, sagte der Fuchs, »was suchst
du?«
»Ich suche die Menschen«, sagte der kleine Prinz.
»Was bedeutet 'zähmen'?«
»Die Menschen«, sagte der Fuchs, »die haben
Gewehre und schießen. Das ist sehr lästig. Sie ziehen
auch Hühner auf. Das ist ihr einziges Interesse. Du
suchst Hühner?«
»Nein«, sagte der kleine Prinz, »ich suche Freunde.
Was heißt 'zähmen'?«
»Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache«, sagte
der Fuchs. »Es bedeutet: sich 'vertraut machen'.«
»Vertraut machen?«
»Gewiß«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich noch
nichts als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen
Knaben völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du
brauchst mich ebensowenig. Ich bin für dich nur ein
Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn
du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du
wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich
einzig sein in der Welt...«
»Ich beginne zu verstehen«, sagte der kleine Prinz.
»Es gibt eine Blume... ich glaube, sie hat mich
gezähmt...«
»Das ist möglich«, sagte der Fuchs. »Man trifft auf
der Erde alle möglichen Dinge...«
»Oh, das ist nicht auf der Erde«, sagte der kleine
Prinz.
Der Fuchs schien sehr aufgeregt:
»Auf einem anderen Planeten?«
»Ja.«
»Gibt es Jäger auf diesem Planeten?«
»Nein.«
»Das ist interessant! Und Hühner?«
»Nein.«
»Nichts ist vollkommen!« seufzte der Fuchs.
Aber der Fuchs kam auf seinen Gedanken zurück:
»Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die
Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander,
und alle Menschen gleichen einander. Ich langweile mich
also ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein
Leben wie durchsonnt sein. Ich werde den Klang deines
Schrittes kennen, der sich von allen andern
unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die
Erde. Der deine wird mich wie Musik aus dem Bau
locken. Und dann schau! Du siehst da drüben die
Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für mich ist der
Weizen zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an
nichts. Und das ist traurig. Aber du hast weizenblondes
Haar. Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal
gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an
dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes
im Getreide liebgewinnen.«
Der Fuchs verstummte und schaute den Prinzen lange
an:
»Bitte... zähme mich!« sagte er.
»Ich möchte wohl«, antwortete der kleine Prinz,
»aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muß Freunde finden
und viele Dinge kennenlernen.«
»Man kennt nur die Dinge, die man zähmt«, sagte der
Fuchs. »Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend
etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den
Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde
gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du
einen Freund willst, so zähme mich!«
»Was muß ich da tun?« sagte der kleine Prinz.
»Du mußt sehr geduldig sein«, antwortete der Fuchs.
»Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras.
Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel
anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist
die Quelle der Mißverständnisse. Aber jeden Tag wirst
du dich ein bißchen näher setzen können...«
Am nächsten Morgen kam der kleine Prinz zurück.
»Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben
Stunde wiedergekommen«, sagte der Fuchs. »Wenn du
zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich
um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit
vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen. Um
vier Uhr werde ich mich schon aufregen und
beunruhigen; ich werde erfahre, wie teuer das Glück ist.
Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen,
wann mein Herz da sein soll... Es muß feste Bräuche
geben.«
»Was heißt 'fester Brauch'?«, sagte der kleine Prinz.
»Auch etwas in Vergessenheit Geratenes«, sagte der
Fuchs. »Es ist das, was einen Tag vom andern
unterscheidet, eine Stunde von den andern Stunden. Es
gibt zum Beispiel einen Brauch bei meinen Jägern. Sie
tanzen am Donnerstag mit dem Mädchen des Dorfes.
Daher ist der Donnerstag der wunderbare Tag. Ich gehe
bis zum Weinberg spazieren. Wenn die Jäger
irgendwann einmal zum Tanze gingen, wären die Tage
alle gleich und ich hätte niemals Ferien.«
So machte denn der kleine Prinz den Fuchs mit sich
vertraut. Und als die Stunde des Abschieds nahe war:
»Ach!« sagte der Fuchs, »ich werde weinen.«
»Das ist deine Schuld«, sagte der kleine Prinz, »ich
wünschte dir nichts Übles, aber du hast gewollt, daß ich
dich zähme...«
»Gewiß«, sagte der Fuchs.
»Aber nun wirst du weinen!« sagte der kleine Prinz.
»Bestimmt«, sagte der Fuchs.
»So hast du nichts gewonnen!«
»Ich habe«, sagte der Fuchs, »die Farbe des Weizens
gewonnen.«
Dann fügte er hinzu:
»Geh die Rosen wieder anschauen. Du wirst
begreifen, daß die deine einzig ist in der Welt.
Du wirst wiederkommen und mir adieu sagen, und ich
werde dir ein Geheimnis schenken.«


Der kleine Prinz ging, die Rosen wiederzusehen:
»Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr seid noch
nichts«, sagte er zu ihnen. »Niemand hat sich euch
vertraut gemacht und auch ihr habt euch niemandem
vertraut gemacht. Ihr seid, wie mein Fuchs war. Der war
nichts als ein Fuchs wie hunderttausend andere. Aber ich
habe ihn zu meinem Freund gemacht, und jetzt ist er
einzig in der Welt.«
Und die Rosen waren sehr beschämt.
»Ihr seid schön, aber ihr sein leer«, sagte er noch.
»Man kann für euch nicht sterben. Gewiß, ein
Irgendwer, der vorübergeht, könnte glauben, meine
Rose ähnle euch. Aber in sich selbst ist sie wichtiger als
ihr alle, da sie es ist, die ich begossen habe. Da sie es ist,
die ich unter den Glassturz gestellt habe. Da sie es ist,
die ich mit dem Wandschirm geschützt habe. Da sie es
ist, deren Raupen ich getötet habe (außer den zwei oder
drei um der Schmetterlinge willen). Da sie es ist, die ich
klagen oder sich rühmen gehört habe oder auch
manchmal schweigen. Da es meine Rose ist.«


Und er kam zum Fuchs zurück:
»Adieu«, sagte er...
»Adieu«, sagte der Fuchs. »Hier mein Geheimnis. Es
ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das
Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.«
»Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«,
wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
»Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie
macht deine Rose so wichtig.«
»Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe...«,
sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
»Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen«,
sagte der Fuchs. »Aber du darfst sie nicht vergessen. Du
bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut
gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich...«
»Ich bin für meine Rose verantwortlich...«,
wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.


XXII
»Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
»Guten Tag«, sagte der Weichensteller.
»Was machst du da?« sagte der kleine Prinz.
»Ich sortiere die Reisenden nach Tausenderpaketen«,
sagte der Weichensteller. »Ich schicke die Züge, die sie
fortbringen, bald nach rechts, bald nach links.«
Und ein lichterfunkelnder Schnellzug, grollend wie der
Donner, machte das Weichenstellerhäuschen erzittern.
»Sie haben es sehr eilig«, sagte der kleine Prinz.
»Wohin wollen sie?«
»Der Mann von der Lokomotive weiß es selbst
nicht«, sagte der Weichensteller.
Und ein zweiter blitzender Schnellzug donnerte
vorbei, in entgegengesetzter Richtung.
»Sie kommen schon zurück?« fragte der kleine
Prinz...
»Das sind nicht die gleichen«, sagte der Weichen-
steller. »das wechselt.«
»Waren sie nicht zufrieden dort, wo sie waren?«
»Man ist nie zufrieden dort, wo man ist«, sagte der
Weichensteller.
Und es rollte der Donner eines dritten funkelnden
Schnellzuges vorbei.
»Verfolgen diese die ersten Reisenden?« fragte der
kleine Prinz.
»Sie verfolgen gar nichts«, sagte der Weichensteller.
»Sie schlafen da drinnen, oder sie gähnen auch. Nur die
Kinder drücken ihre Nasen gegen die Fensterscheiben.«
»Nur die Kinder wissen, wohin sie wollen«, sagte der
kleine Prinz. »Sie wenden ihre Zeit an eine Puppe aus
Stoff-Fetzen, und die Puppe wird ihnen sehr wertvoll,
und wenn man sie ihnen wegnimmt, weinen sie...«
»Sie haben es gut«, sagte der Weichensteller.

XXIII
»Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
»Guten Tag«, sagte der Händler.
Er handelte mit höchst wirksamen, durststillenden
Pillen. Man schluckt jede Woche eine und spürt
überhaupt kein Bedürfnis mehr zu trinken.
»Warum verkaufst du das?«, sagte der kleine Prinz.
»Das ist eine große Zeitersparnis«, sagte der Händler.
»Die Sachverständigen haben Berechnungen angestellt.
Man erspart dreiundfünfzig Minuten in der Woche.«
»Und was macht man mit diesen dreiundfünfzig
Minuten?«
»Man macht damit, was man will...«
»Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte«, sagte
der kleine Prinz, »würde ich ganz gemächlich zu einem
Brunnen laufen...«

XXIV
Es war am achten Tag nach meiner Panne in der Wüste,
und ich hörte gerade die Geschichte vom Pillenverkäufer,
als ich den letzten Tropfen meines Wasservorrats trank.
»Ach«, sagte ich zum kleinen Prinzen, »deine
Erinnerungen sind ganz hübsch, aber ich habe mein
Flugzeug noch nicht repariert, habe nichts mehr zu trinken
und wäre glücklich, wenn ich auch ganz gemächlich zu
einem Brunnen gehen könnte!«
»Mein Freund, der Fuchs«, sagte er...
»Mein kleines Kerlchen, es handelt sich nicht mehr um
den Fuchs!«
»Warum?«
»Weil man vor Durst sterben wird...«
Er verstand meinen Einwand nicht, er antwortete: »Es
ist gut, einen Freund gehabt zu haben, selbst wenn man
sterben muß. Ich bin froh, daß ich einen Fuchs zum
Freunde hatte...«
Er ermißt die Gefahr nicht, sagte ich mir. Er hat nie
Hunger, nie Durst. Ein bißchen Sonne genügt ihm... Aber
er sah mich an und antwortete auf meine Gedanken:
»Ich habe auch Durst... suchen wir einen Brunnen...«
Ich machte eine Gebärde der Hoffnungslosigkeit; es ist
sinnlos, auf gut Glück in der Endlosigkeit der Wüste einen
Brunnen zu suchen. Dennoch machten wir uns auf den
Weg.


Als wir stundenlang schweigend dahingezogen waren,
brach die Nacht herein, und die Sterne begannen zu
leuchten. Ich sah sie wie im Traum. Ich hatte ein wenig
Fieber vor Durst. Die Worte des kleinen Prinzen tanzten
durch mein Bewußtsein.
»Du hast also auch Durst?« fragte ich ihn.
Er antwortete nicht auf meine Frage. Er sagte einfach:
»Wasser kann auch gut sein für das Herz...«
Ich verstand seine Worte nicht, aber ich schwieg... Ich
wußte gut, daß man ihn nicht fragen durfte.
Er war müde. Er setzte sich. Ich setzte mich neben ihn.
Und nach einem Schweigen sagte er noch: »Die Sterne
sind schön, weil sie an eine Blume erinnern, die man nicht
sieht...«
Ich antwortete: »Gewiß« und betrachtete schweigend
die Falten des Sandes unter dem Mond.
»Die Wüste ist schön«, fügte er hinzu...
Und das war wahr. Ich habe die Wüste immer geliebt.
Man setzt sich auf eine Sanddüne. Man sieht nichts. Man
hört nichts. Und währenddessen strahlt etwas in der
Stille.
»Es macht die Wüste schön«, sagt der kleine Prinz,
»daß sie irgendwo einen Brunnen birgt.«
Ich war überrascht, dieses geheimnisvolle Leuchten
des Sandes plötzlich zu verstehen. Als ich ein kleiner
Junge war, wohnte ich in einem alten Haus, und die Sage
erzählte, daß darin ein Schatz versteckt sei. Gewiß, es
hat ihn nie jemand zu entdecken vermocht, vielleicht hat
ihn nie jemand gesucht. Aber er verzauberte dieses ganze
Haus. Mein Haus barg ein Geheimnis auf dem Grunde
seines Herzens...
»Ja«, sagte ich zum kleinen Prinzen, »ob es sich um
das Haus, um die Sterne oder um die Wüste handelt, was
ihre Schönheit ausmacht, ist unsichtbar!«
»Ich bin froh«, sagte er, »daß du mit meinem Fuchs
Übereinstimmst.«
Da der kleine Prinz einschlief, nahm ich ihn in meine
Arme und machte mich wieder auf den Weg.
Ich war bewegt. Mir war, als trüge ich ein
zerbrechliches Kleinod. Es schien mir sogar, als gäbe es
nichts Zerbrechlicheres auf der Erde. Ich betrachtete im
Mondlicht diese blasse Stirn, diese geschlossenen Augen,
diese im Winde zitternde Haarsträhne, und ich sagte mir:
Was ich da sehe, ist nur eine Hülle. Das Eigentliche ist
unsichtbar...
Da seine halbgeöffneten Lippen ein halbes Lächeln
andeuteten, sagte ich mir auch: Was mich an diesem
kleinen eingeschlafenen Prinzen so sehr rührt, ist seine
Treue zu einer Blume, ist das Bild einer Rose, das ihn
durchstrahlt wie eine Flamme einer Lampe, selbst wenn
er schläft... Und er kam mir noch zerbrechlicher vor als
bisher. Man muß die Lampe sorgsam schützen: Ein
Windstoß kann sie zum Verlöschen bringen... Und
während ich so weiterging, entdeckte ich bei
Tagesanbruch den Brunnen.

XXV
»Die Leute«, sagte der kleine Prinz, »schieben sich in die
Schnellzüge, aber sie wissen gar nicht, wohin sie fahren
wollen. Nachher regen sie sich auf und drehen sich im
Kreis...«
Und er fügte hinzu:
»Das ist nicht der Mühe wert...«
Der Brunnen, den wir erreicht hatten, glich nicht den
Brunnen der Sahara. Die Brunnen der Sahara sind
einfache, in den Sand gegrabene Löcher. Dieser da glich
einem Dorfbrunnen. Aber es war keinerlei Dorf da, und
ich glaubte zu träumen.
»Das ist merkwürdig«, sagte ich zum kleinen Prinzen,
»alles ist bereit: die Winde, der Kübel und das Seil...«
Er lachte, berührte das Seil, ließ die Rolle spielen. Und
die Rolle knarrte wie ein altes Windrad, wenn der Wind
lange geschlafen hat.
»Du hörst«, sagte der kleine Prinz, »wir wecken diesen
Brunnen auf, und er singt...«
Ich wollte nicht, daß er sich abmühte:
»Laß mich das machen«, sagte ich zu ihm, »das ist zu
schwer für dich.«
Langsam hob ich den Kübel bis zum Brunnenrand. Ich
stellte ihn dort schön aufrecht. In meinen Ohren war noch
immer der Gesang der Zugwinde, und im Wasser, das
noch zitterte, sah ich die Sonne zittern.
»Ich habe Durst nach diesem Wasser«, sagte der
kleine Prinz, »gib mir zu trinken...«
Und ich verstand, was er gesucht hatte. Ich hob den
Kübel an seine Lippen. Er trank mit geschlossenen
Augen. Das war süß wie ein Fest. Dieses Wasser war
etwas ganz anderes als ein Trunk. Es war entsprungen
aus dem Marsch unter den Sternen, aus dem Gesang der
Rolle, aus der Mühe meiner Arme. Es war gut fürs herz,
wie ein Geschenk. Genauso machten, als ich ein Junge
war, die Lichter des Christbaums, die Musik der
Weihnachtsmette, die Sanftmut des Lächelns den
eigentlichen Glanz der Geschenke aus, die ich erhielt.
»Die Menschen bei dir zu Hause«, sagte der kleine
Prinz, »züchten fünftausend Rosen in ein und demselben
Garten... und doch finden sie dort nicht, was sie
suchen...«
»Sie finden es nicht«, antwortete ich...
»Und dabei kann man das, was sie suchen, in einer
einzigen Rose oder in einem bißchen Wasser finden...«
»Ganz gewiß«, antwortete ich.
Und der kleine Prinz fügte hinzu:
»Aber die Augen sind blind. Man muß mit dem Herzen
suchen.«


Ich hatte getrunken. Es atmete sich wieder gut. Der Sand
hat bei Tagesanbruch die Farbe des Honigs. Auch über
diese Honigfarbe war ich glücklich. Warum sollte ich mir
Sorgen machen...
»Du mußt dein Versprechen halten«, sagte sanft der
kleine Prinz, der sich wieder zu mir gesetzt hatte.
»Welches Versprechen?«
»Du weißt, einen Maulkorb für mein Schaf... Ich bin
verantwortlich für diese Blume!«
Ich nahm meine Skizzen aus der Tasche. Der kleine
Prinz sah sie und sagte lachend:
»Deine Affenbrotbäume schauen ein bißchen wie
Kohlköpfe aus...«
»Oh!« Und ich war auf die Affenbrotbäume so stolz
gewesen!
»Dein Fuchs... seine Ohren... sie schauen ein wenig
wie Hörner aus... sie sind viel zu lang!«
Und er lachte wieder.
»Du bist ungerecht, kleines Kerlchen, ich konnte nichts
zeichnen als geschlossene und offene Riesenschlangen!«
»Oh! Es wird schon gehen«, sagte er, »die Kinder
wissen ja Bescheid.«
Ich kritzelte also einen Maulkorb hin. Und das Herz
krampfte sich mir zusammen, als ich ihn dem kleinen
Prinzen gab:
»Du hast Pläne, von denen ich nichts weiß...«
Aber er antwortete nicht. Er sagte:
»Du weißt, mein Sturz auf die Erde...Morgen wird es
ein Jahr sein...«
Dann, nach einem Schweigen, sagte er noch:
»Ich war ganz in der Nähe heruntergefallen...« Und er
errötete.
Wieder fühlte ich einen merkwürdigen Kummer, ohne
zu wissen warum. Indessen kam mir eine Frage:
»Dann ist es kein Zufall, daß du am Morgen, da ich
dich kennenlernte, vor acht Tagen, so ganz allein, tausend
Meilen von allen bewohnten Gegenden entfernt,
spazierengingst? Du kehrtest zu dem Punkt zurück, wohin
du gefallen warst?«
Der kleine Prinz errötete noch mehr.
Und ich fügte zögernd hinzu: »Vielleicht war es der
Jahrestag?...«
Von neuem errötete der kleine Prinz. Er antwortete nie
auf die Fragen, aber wenn man errötet, so bedeutet das
'ja', nicht wahr?
»Ach«, sagte ich, »ich habe Angst!«
Aber er antwortete:
»Du mußt jetzt arbeiten. Du mußt wieder zu deiner
Maschine zurückkehren. Ich erwarte dich hier. Komm
morgen abend wieder...«
Aber ich war beunruhigt. Ich erinnerte mich an den
Fuchs. Man läuft Gefahr, ein bißchen zu weinen, wenn
man sich hat zähmen lassen...

XXVI
Neben dem Brunnen stand die Ruine einer alten
Steinmauer. Als ich am nächsten Abend von meiner
Arbeit zurückkam, sah ich von weitem meinen kleinen
Prinzen da oben sitzen, mit herabhängenden Beinen. Und
hörte ihn sprechen:
»Du erinnerst dich also nicht mehr?« sagte er. »Es ist
nicht ganz genau hier!«
Zweifellos antwortete ihm eine andere Stimme, da er
erwiderte:
»Doch! Doch! Es ist wohl der Tag, aber nicht genau
der Ort...«
Ich setzte meinen Weg zur Mauer fort. Ich sah und
hörte niemanden. Dennoch erwiderte der kleine Prinz von
neuem:
»Gewiß. Du wirst sehen, wo meine Spur im Sand
beginnt. Du brauchst mich nur dort zu erwarten. Ich
werde heute nacht dort sein.«
Ich war zwanzig Meter von der Mauer entfernt und
sah immer noch nichts. Der kleine Prinz sagte noch, nach
einem kurzen Schweigen:
»Du hast gutes Gift? Bist du sicher, daß du mich nicht
lange leiden läßt?«
Ich blieb stehen, und das Herz preßte sich mir
zusammen, aber ich verstand noch immer nicht.
»Jetzt geh weg«, sagte er, »ich will hinunterspringen!«
Da richtete ich selbst den Blick auf den Fuß der
Mauer, und ich machte einen Satz! Da war, zum kleinen
Prinzen emporgereckt, eine dieser gelben Schlangen, die
euch in dreißig Sekunden erledigen... Ich wühlte in meiner
Tasche nach meinem Revolver und begann zu laufen,
aber der Lärm, den ich machte, ließ die Schlange sachte
in den Sand gleiten, wie ein Wasserstrahl, der stirbt, und
ohne allzu große Eile schlüpfte sie mit einem leichten
metallenen Klirren zwischen die Steine.
Gerade rechtzeitig kam ich zur Mauer, um mein kleines
Kerlchen von einem Prinzen in meinen Armen
aufzufangen; er war bleich wie der Schnee.
»Was sind das für Geschichten! Du sprichst jetzt mit
Schlangen?!«
Ich hatte ihm sein ewiges gelbes Halstuch
abgenommen. Ich hatte ihm die Schläfen genetzt und ihm
zu trinken gegeben. Und jetzt wagte ich nicht, ihn weiter
zu fragen. Er schaute mich ernsthaft an und legte seine
Arme um meinen Hals. Ich fühlte sein Herz klopfen wie
das eines sterbenden Vogels, den man mit der Flinte
geschossen hat. Er sagte zu mir:
»Ich bin froh, daß du gefunden hast, was an deiner
Maschine fehlte. Du wirst nach Hause zurückkehren
können...«
»Woher weißt du das?«
Ich hatte ihm gerade erzählen wollen, daß mir gegen
alle Erwartungen meine Arbeit geglückt sei!
Er antwortete nicht auf meine Frage, fuhr aber fort:
»Auch ich werde heute nach Hause zurückkehren...«
Dann schwermütig:
»Das ist viel weiter... Das ist viel schwieriger...«
Ich fühlte wohl, daß etwas Außergewöhnliches
vorging. Ich schloß ihn fest in die Arme wie ein kleines
Kind, und doch schien es mir, als stürzte er senkrecht in
einen Abgrund, ohne daß ich imstande war, ihn
zurückzuhalten...
Sein Blick war ernst; er verlor sich in weiter Ferne:
»Ich habe dein Schaf. Und ich habe die Kiste für das
Schaf. Und ich habe den Maulkorb...«
Und er lächelte schwermütig.
Ich wartete lange. Ich fühlte, daß er sich mehr und
mehr erwärmte:
»Kleines Kerlchen, du hast Angst gehabt...«
Er hatte Angst gehabt, ganz gewiß! Aber er lachte
sanft:
»Ich werde heute abend noch viel mehr Angst
haben...«
Wieder lief es mir eisig über den Rücken bei dem
Gefühl des Unabwendbaren. Diese Lachen nie mehr zu
hören - ich begriff, daß ich den Gedanken nicht ertrug. Es
war für mich wie ein Brunnen in der Wüste.
»Kleines Kerlchen, ich will dich noch lachen hören...«
Aber er sagte zu mir:
»Diese Nacht wird es ein Jahr. Mein Stern wird sich
gerade über dem Ort befinden, wo ich letztes Jahr
gelandet bin...«
»Kleines Kerlchen, ist sie nicht ein böser Traum, diese
Geschichte mit der Schlange und der Vereinbarung und
dem Stern...«
Aber er antwortete nicht auf meine Frage. Er sagte:
»Was wichtig ist, sieht man nicht...« »Gewiß...«
»Das ist wie mit der Blume. Wenn du eine Blume
liebst, die auf einem Stern wohnt, so ist es süß, bei Nacht
den Himmel zu betrachten. Alle Sterne sind voll Blumen.«
»Gewiß...«
»Das ist wie mit dem Wasser. Was du mir zu trinken
gabst, war wie Musik, die Winde und das Seil... du
erinnerst dich... es war gut.«
»Gewiß...«
»Du wirst in der Nacht die Sterne anschauen. Mein
Zuhause ist zu klein, um dir zeigen zu können, wo es
umgeht. Es ist besser so. Mein Stern wird für dich einer
der Sterne sein. Dann wirst du alle Sterne gern
anschauen... Alle werden sie deine Freunde sein. Und
dann werde ich dir ein Geschenk machen...«
Er lachte noch.
»Ach! Kleines Kerlchen, kleines Kerlchen! Ich höre
diese Lachen so gern!«
»Gerade das wird mein Geschenk sein... Es wird sein
wie mit dem Wasser...«
»Was willst du sagen?«
»Die Leute haben Sterne, aber es sind nicht die
gleichen. Für die einen, die reisen, sind die Sterne Führer.
Für andere sind sie nichts als kleine Lichter. Für wieder
andere, die Gelehrten, sind es Probleme. Für meinen
Geschäftsmann waren sie Gold. Aber alle diese Sterne
schweigen. Du, du wirst Sterne haben, wie sie niemand
hat...«
»Was willst du sagen?«
»Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es
dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von
ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein
wirst Sterne haben, die lachen können!«
Und er lachte wieder.
»Und wenn du dich getröstet hast (man tröstet sich
immer), wirst du froh sein, mich gekannt zu haben. Du
wirst immer mein Freund sein. Du wirst Lust haben, mit
mir zu lachen. Und du wirst manchmal dein Fenster
öffnen, gerade so, zum Vergnügen... Und deine Freunde
werden sehr erstaunt sein, wenn sie sehen, daß du den
Himmel anblickst und lachst. Dann wirst du ihnen sagen:
'Ja, die Sterne, die bringen mich immer zum Lachen!'
Und sie werden dich für verrückt halten. Ich werde dir
einen hübschen Streich gespielt haben...«
Und er lachte wieder.
»Es wird sein, als hätte ich dir statt der Sterne eine
Menge kleiner Schellen geschenkt, die lachen können...«
Und er lachte noch immer. Dann wurde er wieder
ernst:
»Diese Nacht... weißt du... komm nicht!«
»Ich werde dich nicht verlassen.«
»Es wird so aussehen, als wäre ich krank... ein
bißchen, als stürbe ich. Das ist so. Komm nicht das
anschauen, es ist nicht der Mühe...«
»Ich werde dich nicht verlassen.«
Aber er war voll Sorge.
»Ich sage dir das... auch wegen der Schlange. Sie darf
dich nicht beißen... Die Schlangen sind böse. Sie können
zum Vergnügen beißen...«
»Ich werde dich nicht verlassen.«
Aber etwas beruhigte ihn:
»Es ist wahr, sie haben für den zweiten Biß kein Gift
mehr...«

Ich habe es nicht gesehen, wie er sich in der Nacht auf
den Weg machte. Er war lautlos entwischt. Als es mir
gelang, ihn einzuholen, marschierte er mit raschem,
entschlossenem Schritt dahin.
Er sagte nur: »Ah, du bist da...«
Und er nahm mich bei der Hand. Aber er quälte sich
noch:
»Du hast nicht recht getan. Es wird dir Schmerz
bereiten. Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird
nicht wahr sein...«
Ich schwieg.
»Du verstehst. Es ist zu weit. Ich kann diesen Leib da
nicht mitnehmen. Er ist zu schwer.«
Ich schwieg.
»Aber er wird daliegen wie eine alte verlassene Hülle.
Man soll nicht traurig sein um solche alten Hüllen...«
Ich schwieg.
Er verlor ein bißchen den Mut. Aber er gab sich noch
Mühe:
»Weißt du, es wird allerliebst sein. Auch ich werde die
Sterne anschauen. Alle Sterne werden Brunnen sein mit
einer verrosteten Winde. Alle Sterne werden mir zu
trinken geben...«
Ich schwieg.
»Das wird so lustig sein! Du wirst fünfhundert
Millionen Schellen haben, ich werde fünfhundert
Millionen Brunnen haben...«
Und auch er schwieg, weil er weinte...
»Da ist es. Laß mich einen Schritt ganz allein tun.« Und
er setzte sich, weil er Angst hatte.
Er sagte noch:
»Du weißt...meine Blume...ich bin für sie
verantwortlich! Und sie ist so schwach! Und sie ist so
kindlich. Sie hat vier Dornen, die nicht taugen, sie gegen
die Welt zu schützen...«
Ich setzte mich, weil ich mich nicht mehr aufrecht
halten konnte.
Er sagte:
»Hier... Das ist alles...«
Er zögerte noch ein bißchen, dann erhob er sich. Er tat
einen Schritt. Ich konnte mich nicht rühren. Es war nichts
als ein gelber Blitz bei seinem Knöchel. Er blieb einen
Augenblick reglos. Er schrie nicht. Er fiel sachte, wie ein
Blatt fällt. Ohne das leiseste Geräusch fiel er in den Sand.
XXVII
Und jetzt sind es gewiß schon wieder sechs Jahre her...
Ich habe diese Geschichte noch nie erzählt. Die
Kameraden, die mich wiedergesehen haben, waren froh,
mich lebend wiederzusehen. Ich war traurig, aber ich
sagte zu ihnen: Das ist die Erschöpfung...
Jetzt habe ich mich ein bißchen getröstet. Das heißt...
nicht ganz. Aber ich weiß gut, er ist auf seinen Planeten
zurückgekehrt, denn bei Tagesanbruch habe ich seinen
Körper nicht wiedergefunden. Es war kein so schwerer
Körper... Und ich liebe es, des Nachts den Sternen
zuzuhören. Sie sind wie fünfhundert Millionen
Glöckchen...
Aber nun geschieht etwas Außergewöhnliches.
Ich habe vergessen, an den Maulkorb, den ich für den
kleinen Prinzen gezeichnet habe, einen Lederriemen zu
machen! Es wird ihm nie gelungen sein, ihn dem Schaf
anzulegen. So frage ich mich: Was hat sich auf dem
Planeten wohl ereignet? Vielleicht hat das Schaf doch die
Blume gefressen...
Das eine Mal sage ich mir: Bestimmt nicht! Der kleine
Prinz deckt seine Blume jede Nacht mit seinem Glassturz
zu, und er gibt auf sein Schaf gut acht. Dann bin ich
glücklich. Und alle Sterne lachen leise.
Dann wieder sage ich mir: Man ist das eine oder das
andere Mal zerstreut, und das genügt! Er hat eines
Abends die Glasglocke vergessen, oder das Schaf ist
eines Nachts lautlos entwichen... Dann verwandeln sich
die Schellen alle in Tränen!...

Das ist ein sehr großes Geheimnis. Für euch, die ihr den
kleinen Prinzen auch liebt, wie für mich, kann nichts auf
der Welt unberührt bleiben, wenn irgendwo, man weiß
nicht wo, ein Schaf, das wir nicht kennen, eine Rose
vielleicht gefressen hat oder vielleicht nicht gefressen
hat...
Schaut den Himmel an. Fragt euch: Hat das Schaf die
Blume gefressen oder nicht? Ja oder nein? Und ihr
werdet sehen, wie sich alles verwandelt...
Aber keiner von den großen Leuten wird jemals
verstehen, daß das eine so große Bedeutung hat!
Das ist für mich die schönste und traurigste Landschaft
der Welt. Es ist die gleiche Landschaft wie auf der
vorletzten Seite, aber ich habe sie nochmals
hergezeichnet, um sie euch ganz deutlich zu machen. Hier
ist der kleine Prinz auf der Erde erschienen und wieder
verschwunden. Schaut diese Landschaft genau an, damit
ihr sie sicher wiedererkennt, wenn ihr eines Tages durch
die afrikanische Wüste reist. Und wenn ihr zufällig da
vorbeikommt, eilt nicht weiter, ich flehe euch an - wartet
ein bißchen, gerade unter dem Stern! Wenn dann ein
Kind auf euch zukommt, wenn es lacht, wenn es
goldenes Haar hat, wenn es nicht antwortet, so man es
fragt, dann werdet ihr wohl erraten, wer es ist. Dann seid
so gut und laßt mich nicht weiter so traurig sein: schreibt
mir schnell, wenn er wieder da ist...




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